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Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau : 6.-8. Schuljahr: 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirkung der kantonalen Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott
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nun während eines Jahres den Feldbau in seiner größten Ausdehnungund in allen Arten kennen. Pestalozzi griff frohen Mutes die Arbeitan. Alle Handgriffe wollte er selbst lernen; denn es sei schwer be-fehlen, meinte er, wo man nicht erst gehorchen und üben gelernthabe. Dieses Jahr war eines der glücklichsten seines Lebens.

3. Ein Vater der ßettelkinder.

Um seine neuerworbenen Kenntnisse in der Landwirtschaft selb-ständig anwenden zu können, kaufte Pestalozzi auf dem Birrfeld,eine Stunde südlich von Brugg, etwa fünf Hektaren ziemlich wüstesLand zu dem Preise von 230 Hulden (1 m 2 etwa zu 1 Itp.). Hierwollte er Krappwurzeln (zum Rotfärben) und Gemüse anbauen. Indem nahen Dorfe Müßigen an der Reuß mietete er sich eine kleineWohnung nebst Scheune, Stall und Garten und begann die Bewirt-schaftung seines Gütchens. Ein Zürcher Bankier, der Vater einesseiner Freunde, lieh ihm ein Kapital von 15,000 Gulden, so daß ersein Besitztum nach und nach auf 36 Hektaren erweitern und ab-f runden konnte. Um jene Zeit verheiratete sich Pestalozzi mit AnnaSchultheß, der feingebildeten Tochter einer angesehenen Kaufmanns-familie in Zürich. In einem ausführlichen Briefe hatte er ihr seineBestrebungen, seine Verhältnisse und seinen Charakter gewissenhaftgeschildert und ihr dabei auch seine Fehler und Mangel nicht ver-schwiegen. Die edle Jungfrau erkannte daraus die Größe seines Geistesund seine Herzensgüte, und ihr festes Gottvertrauen gab ihr denMut, die Gattin des jungen, unerfahrenen Landwirts zu werden.

Pestalozzi baute auf seinem Gut ein schönes Landhaus, das erNeuhof nannte. Durch eine Musterlandwirtschaft wollte er nun demVolke zeigen, wie auch bei kleinen Mitteln durch fleißige, umsichtigeArbeit ein befriedigendes Lebenslos zu erlangen sei. Er arbeiteteunermüdlich von früh bis spät, um überall mit gutem Beispiel voran-zugehen. Nur zu bald zeigte es sich leider, daß der Boden unfrucht-bar war und sich für den Krappbau nicht eignete. Pestalozzis treueGattin opferte, was sie hatte, ohne zu zagen und zu klagen. Weilbei dem landwirtschaftlichen Unternehmen der Gewinn ausblieb, ver-lor jener Bankier in Zürich das Vertrauen in Pestalozzis Tüchtigkeit.Dadurch geriet dieser in große Verlegenheit. Seine Schulden mehrtensich, da er auch mit dem Kleebau so wenig Erfolg hatte, wie beider Krappkultur. Mitten in seiner eigenen Not faßte er den edlenEntschluß, dem Elend des Volkes, das er rings um sich her kennengelernt hatte, zu wehren durch Gründung einer Armenanstalt, DieSchar der einheimischen Bettler war damals so zahlreich, daß die