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Lesebuch für das achte Schuljahr der Volksschule des Kantons St.Gallen / nach Vorlage der Lehrmittelkommission hrsg. v. Erziehungsrate
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Haus zur Sonne einen solchen Obstmarkt, wie Ihr ihn in EuremLeben noch nicht gesehen habt: Birnen, Zwetschgen, Weintrau-ben, Nüsse und Feigen. Ja, hier wachsen schon Feigen, und baldwerden wir auch dahin kommen, wo es Pomranzen und Zi-tronen gibt. O, daß ich Euch einen Korb solches Obst zuschickenkönnte! Aber die schönen Früchte faulen unterwegs, wie zuweilendie schönsten menschlichen Hoffnungen von innen heraus ver-wesen. Auch findet man hier schon platte Dächer, wie es inItalien viele geben soll, wo man dann weit umhersehen kann,und die Luft ist gar sanft und milde.

Auf den Tyrolerbergen haben wir Gemslein springen sehen,auch eines ins Innsbruck gegessen und ein zahmes gesehen, dasgar niedlich war und seiner Nährerin, einer Bauersfrau, überallhin folgte. Da wollte ich, daß Ihr dabei gewesen wäret undsgesehen hättet; auch wünschte ich, daß Ihr die Tyrolerberge ein-mal sehen und fröhlich bereisen möget. Lernt nur fleißig undführet Euch gut auf. Lernet auch hübsch zeichnen; denn das be-klage ich sehr, daß ichs nicht kann. Es sind hier gar zu schöneGegenden und hundert Wasserfälle zwischen den Bergen.Morgen kommen wir nach Trento; da finde ich gewiß Nachrichtvon Euch.

Lebt wohl, liebe Kinder; habt mich lieb und bleibt gesundund lebt mit Eurer Mutter und dem ganzen Hause wohl! Es istjetzt spät, und Ihr werdet schon meistens in Euren Bettchenruhen. Schlaft wohl! Euer treuer Vater.

Schiller an seine Schwester.

Jena, 25. April 1796.

Du wirst nun auch erfahren haben, liebste Schwester, daßdie Luise ernstlich krank geworden und unsere arme, liebe Mutteralles Trostes beraubt ist. Verschlimmerte es sich mit Luise odergar mit dem lieben Vater, so wäre die arme Mutter ganz undgar verlassen. Kannst du es möglich machen, und glaubst du, daßdeine Kräfte es aushalten, so mache dich auf die Reise. Was sie

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