Aus dem Leben Großer
Goethes Mutter an ihre Enkelinnen.
Den letzten Tag im Jahre 1792.
Liebe Enkelein,
an euch alle ist dieser Brief gerichtet. Wollte ich jedem voneuch sein liebes Schreiben einzeln beantworten, so möchte mirdie Zeit mangeln und ihr müßtet lange auf meine Danksagungwarten für die Freude, die ihr mir gemacht habt.
Liebe Kinder! Das Christgeschenk kann euch unmöglich mehrFreude gemacht haben als mir eure Briefe. Sagt selbst, wasmir tröstlicher und erquickender sein könnte, als Enkel zu haben,die so dankbar gegen mich sich betragen, die mit so warmem Ge-fühl trotz der Entfernung mich so lieben und ehren. Liebe Enke-lein! Macht mir in dem kommenden Jahre eben so viele Freude,wie im zu Ende gehenden. Behaltet mich in gutem Andenken:nehmet auch in diesem Jahre, sowie an Alter, also auch an allem,was eure lieben Eltern, mich und alle guten Menschen erfreuenkann, immer mehr und mehr zu, so wird euch Gott segnen, undalle, die euch kennen, werden euch lieben und hochschätzen — be-sonders aber diejenige, die beständig war, ist und bleibt
eure euch herzlich liebende GroßmutterElisabethe Göthe.
Herder an seine Kinder.
Botzen, den 1. September.
Alle meinen lieben Kinder: Gottfried, August, Wilhelm,Adelbert, Luischen und Emil, o daß Ihr hier mit mir wäret!Ich bin jetzt in Botzen, wo heute eine unsägliche Menge Volkeszum Firmet versammelt ist. Da gibts nun vor unserm Wirts-
L-Iebuch VIII. Kl.
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