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Lesebuch für das achte Schuljahr der Volksschule des Kantons St.Gallen / nach Vorlage der Lehrmittelkommission hrsg. v. Erziehungsrate
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Wieder kamen und gingen die Tage und Nächte, undnichts anderes zeigte sich als Wasser und Wellen. Mehrfachmachte die Mannschaft ihrer Unzufriedenheit Luft und begannzu murren. Aber Kolumbus wusste sie zu beruhigen, indemer sie an den Lohn erinnerte, der ihrer nach Erreichung desZieles warte. «Übrigens halfen ihnen ihre Klagen nichts,»heisst es in seinem Tagebuch; «denn ich bin ausgefahren, umIndien zu erreichen, und werde solange weitersegeln, bis iches mit Gottes Hilfe gefunden habe.»

Da zeigte sich am 11. Oktober in den Wellen ein Baum-stamm, dem anzusehen war, dass er von Menschen gefälltworden, und bald darauf ein mit Beeren besetzter Zweig.Welche Beruhigung und Freude für die Matrosen! Wieschärften sie ihre Blicke und hielten sie Ausguck nach vorn;denn der Admiral hatte demjenigen, der zuerst das Land er-blicke, eine Belohnung versprochen.

Gegen Abend glaubte Kolumbus einen Feuerschein zusehen, wie wenn jemand an einer flachen Küste mit einerFackel entlang ginge. Und als es Nacht geworden war, wollteeiner der Matrosen der «Pinta» schwören, dass sich nachvorn hin Land gezeigt habe. Man zog deshalb alle Segel einund wartete auf den anbrechenden Tag.

Gewöhnlich heisst es in den Schilderungen dieser einzig-artigen Ozeanreise, die Matrosen seien über die ungeheureEntfernung von ihrer Heimat ganz in Verzweiflung geraten,hätten gemeutert und schliesslich dem Admiral das Verspre-chen abgezwungen, umzukehren, wenn sich nicht innerhalbdreier Tage Land zeige. Doch das sind nichts anderes alsSchiffergeschichten. Unzufrieden und furchtsam waren siewohl; aber sie leisteten ihrem Führer Gehorsam und vertrau-ten auf ihn. Und Kolumbus wieder verstand es, mit ihnenumzugehen und ihr Vertrauen und ihre Hoffnung lebendigzu erhalten.

Endlich graute der grosse Tag, dessen Ruhm alle Zeitendurchstrahlt. Als die Sonne am 12. Oktober 1402 aus dem

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