Dcr Eselstrieb.
81
schlechtes Haus, aber einen guten Herrn! Schon im ersten Augen-blicke, als ich es sah, hatte ich das Tier lieb, und die Zuneigungwuchs von Schritt zu Schritt, die wir selbander wegshin trabten.
Als wir aber zur Flußbrücke vom Tadelbach kamen, da bliebder Esel stehen und schüttelte sein ehrwürdiges Haupt. Ich tat an-fangs, als verstünde ich das nicht; aber er schüttelte es zum zweiten-mal, und das bedeutete: „Nein, mein Lieber, da gehe ich nichthinüber!" — Ich ging voraus und zerrte am Strick, mußte aberdoch zu wenig Anziehungskraft für ihn haben, denn er stemmte dieBorderfüße ein und stand fest. --
Ein Schock Schulkinder kam des Weges; die Kinder stellten sichnm uns herum und waren sehr lustig über das anziehende Schau-spiel, das ich ihnen bot, und über die strenge Zurückhaltung, die derEsel sich auferlegte. Ich schämte mich so viel, daß ich mit der linkenHand mein Gesicht verdeckte, während die Rechte den Strick hielt.Die Kinder neckten ihn mit Nntenzweigen, da schlug er die Hinter-füße aus, und hierauf lachten sie noch mehr. Endlich kamen dreiHolzknechtc des Weges, die eben in den Wald gingen.
„Wenn du deinen Kameraden über die Brücken haben willst, somußt ihn hinübertragen", sagte einer der Männer. „Will er nicht gehen,so geht er nicht; ein ordentlicher Esel läßt sich zu nichts zwingen."
Was ich mich da geniert hab', daß der Eselbesitzer sich so überden Esel muß belehren lassen von stockfremden Leuten -- es istnicht zu sagen. Ich steckte mein Gesicht nur so zwischen die Achselnhinein und brummte:' „Wie knnnt ich den tragen, wo er vier Füßehat und ich nur zwei!" Packten sie auch schon an, hoben das Tieran Füßen, Bauch und Kragen in die Höhe und trugen es sachte überdie Brücke.
Als der Grane wieder auf festem Erdboden stand, neigte er inwürdevoller Selbstgefälligkeit das Haupt und trabte wieder ruhigseiner Straße. Die Holzhauer gingen ebenfalls ihres Weges, undich horte sie noch lachen von weitem.
Der Graue hatte Charakter gezeigt und mir einen gewissenRespekt eingeflößt; allein je näher wir dem Anbache kamen, derwieder auf einer Brücke zu überschreiten war, desto eifriger sann ichauf ein Mittel, den strammen Charakter des Genossen ein wenig zubiegen. Mit Brot und Salz, so ich mit hatte, wurden Bestechungs-versnche gemacht, zugleich aber auch eine Exekutionsanstalt gegründet.Ich schnitt eine Birkengerte, streifte das Laub herab und flocht sie
zierlich zu einer Nute. Der Esel schaute mir dabei ziemlich gleich-gültig zu. Dann nahten wir uns der Anbachbrücke. Da war Eiu-
schicht und kein Mensch, der mir das Tier über die Brücke tragen
Mchlold. L-ftbuch I. 6