Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
Seite
82
JPEG-Download
 

82

Der Eselstncb.

und mich hätte auslachen können.Wollen wir halt einmal sehen,Grauer, wer von uns beiden nachgibt." Ich tat nichts dergleichenund wollte mit ihm nur so forttraben, als ob die Brücke nichts alsder gewöhnliche Kiesweg wäre. Zwei Schritte vor derselben blieb erstehen und stand. Das Brot fraß er mir aus der Hand und standruhig da; die Gerte bekam er in die Weichen, das erste Mal zuckteer ein bißchen, das zweite Mal nicht mehr, sondern stand fest an-genagelt auf dem Fleck.

Ja", fragte ich ihn,was glaubst du denn? Sollen wir dastehen bleiben selbander, bis die Bäche versiegen?"

Er schüttelte das graue Haupt.

Nun, mein Lieber, wenn du keinen eigenen Antrieb spürst, zugehorchen, so sollst du fremden wahrnehmen."

Hinter ihn stellte ich mich, spuckte mir in die hohlen Hände,wand die Rute und ließ sie mit aller Macht hinpfeifen auf diemausgraue Kreatur. Diese hüpfte zuerst mit den Hinterbeinen empor,dann mit den Vorderfüßen, tat eine Wendung, sprang in den Flußund watete dann ruhig durch das Wasser hinüber anS andere Ufer.Dort stand sie, schüttelte von ihrem Leib das Wasser und schaute zumir herüber gerade als ob sie sagen wollte:Damit du nicht glaubst,ich fürchte mich vor dem Wasser; du sollst nur wissen, daß ichprinzipiell über keine Brücke gehe!"

Ich hinwiederum springe prinzipiell nicht in den Fluß, sonderngehe über die Brücke. Also ging ich hinüber, und wir waren zu-sammen gute Kameraden. Anfangs stapfte der Graue wieder leidlichvoran, erhäschte unterwegs manchmal eine Schnauze voll Heidekraut,das am Wege stand; endlich hub er an stehen zu bleiben und stehenzu bleiben. Mit guten Worte» versuchte ich es, begann ihm seineneue Heimat zu schildern, das duftige Heu, das er fressen werde,daS weiche Stroh, auf dem er liegen werde; von den Disteln, dieam Raine wachsen, sagte ich nichts, weil ich nicht weiß, ob maneinen Esel nicht etwa beleidigt, wenn mau mit ihm von Distelnspricht. Zwar heißt es, er fresse sie gern; doch ich machte keine An-spielung. Auch der Karren, an den ich ihn spannen, die Säcke, dieich ihm aufladen wollte, wurden verschwiegen, weil ich nicht glaube,daß diese Dinge ein wesentlicher Beweggrund gewesen wären.

Auf die Länge fruchtete auch der brüderliche Zuspruch nichts;das Bieh wurde immer stutziger und war endlich gar nicht mehr vonder Stelle zu bringen.

In dieser Not bemerkte mich ein alter Schäfer, der auf derHeide ein Rudel Schafe weidete. Anfangs sah er mir eine Weilezn dann kam er herbei und sagte:Schrecklich plagt ihr euch alle