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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
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106
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Das Kamel.

Glieder durchzuckt elektrisches Feuer. Es stellt sich die Karawaneim Kreise; eifrig wird der Boden aufgescharrt, und aus des GrabesTiefe tritt der Quell glänzend an den Tag, und alles stürzt hin,sich zu erlaben am unverwüstlichen Lebensborn, an dem erweckendenLicht der Erde. Die erstarrten Züge werden milder, die Augenheiter, der Akut ist gestählt, die Kräfte wachsen. Man lagert sich,die Zelte werden aufgeschlagen, die Tiere gefüttert, mit Sorgfalt vvmStaube gereinigt. Da sind alle Drangsale vergessen; Gespräche er-heitern die Nacht, Märchen werden erzählt, die leere Wüste ist zueinem Paradiese geworden. - Und ist das Fest vorüber, sind dieSchläuche gefüllt, die Kamele getränkt, so werden die Zelte ab-gebrochen, die Ladungen aufgeschnallt; lustig ertönt die Pfeife, unddie Reise geht dem Ziele zu. Wochen weichen vorüber, eine Oedeverliert sich wieder in der andern in steter Einförmigkeit. Heiße Tagewechseln mit kalten Nächten ab. Am Tage geht der Müde im Schattendes Kamels, es wendet sich gegen ihn und leckt ihm die Hand; desNachts erwärmt es ihn. Der Chamsin wälzt seine Gluten über dieEbene: das Kamel ist wieder dem Menschen Schirm vor diesem Un-geheuer. Grüne Landschaft spiegelt sich in den Lüften, in der Ferneglänzt ein See. Die Oase ist erreicht! Vergebliche Hoffnung!Täuschung und Trugbilder sind es, die Landschaft vergeht, der Seewird zur Steppe, über welche Salzkristalle, statt der Quellen, ihrenGlanz verbreiten. Die Wasserschläuche werden leer, die Tage heißer,lästiger, die Schritte der Karawane erlahmen. Da wirst du, o treuesTier, nochmals der Retter deines Herrn; mit deinem Blute, mit deinemLeben erkaufst du ihm das seinige. Er stößt den Dolch in dein Herz,fällt, ein lechzender Tiger, über dich, trinkt dein Blut, erlabt sich amWasser deines Magens und gewinnt Kraft, das blühende Gestade derWüste zu erreichen. Das Kamel ist dein Araber geboren, sein Sklave,sein Reichtum, von Abrahams Zeiten her bis zum heutigen Tage.Es ist das Schiff, auf welchem er die Wüste durchzieht; es trägtihn zn Mekkas, zu Medinas heiligen Tempeln, geleitet ihn durch dieWüste Sahara zum reichen Tonibnktu und dem glänzenden Niger.ES hat die Zeichen der Sklaverei, die behaarten Fetthöcker auf demRücken; Schwielen an Brust und Knie sind die Folge seiner Arbeit,so wie die Ballen seiner kleinen gespaltenen Hufe, die es schützen vordem heißen Sande. Eine Mißgestalt ist es, ohne Schmuck, ohneAnmut, halb Pferd, halb Schaf, mit gespaltner Lippe, mit kleinenaufgestellten Ohren, mit langem eingebogenem Halse, dem Bart anBrust und Kinn, dem hagern Kreuz und kurzen Schweife. Aufhohen Beinen schreitet es daher, geht tagelang, schwer beladen, fortund ermüdet nicht. Die Blätter der Mimose, der Disteln und