Das Kamel. — Waldkonzcrt,
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stacheliges Gestrüppe sind seine Nahrung; es erlabt sich an, Wasserder Zisterne und nimmt davon eine» Vorrat auf die Reise mit;selten wird ihm ein Trnnk ans frischem Quell zn teil. Sich anf denBoden zu werfen und gasten zn tragen wird es abgerichtet; demütigund geduldig beugt eS die Kniee vor seinem Tyrannen, damit erbequem es belade. Ans den Wink desselben erhebt es sich und folgtihm. Er nährt sich von der Milch des Kamels, er ißt sein Fleischund kleidet sich in seine Wolle.
.19. Waldkonzert.
Von Friedrich von Tichndi.
Schon ehe die rosigen Morgenwölkcheu das Nahen der Sonneverkünden, ja oft ehe noch im Osten nur ein leichter Hauch ihreGebnrtsstätte anzeigt, wenn noch die Sterne fröhlich am blauen
Nachthimmel schimmern, beginnt von einer alte», hohen Tanne einleises Kollern; dann folgen einige schnalzende, klappernde Töne, dieimmer schneller hervorsprudeln, — dann der Hanptschlag und end-lich ein langer Faden wetzender Zischtöne. Der Urhahn salzt. Mitverdrehten Augen tanzt und trippelt er auf seinem Aste herum;unter ihm ruhen friedlich die Hennen im Gebüsch und sehen an-dächtig den närrischen Kapriolen des hohen Gemahls zn. Nicht
lange treibt er sein Wesen allein. Die Ningamseln der oberstenWälder, die unruhigsten aller Böget, die schon wenige Stundennach Mitternacht vereinzelt die Kehlen stimmten, sangen überall an,laut zu werden; etliche Hansrotschwänzchen und ein Rohrsänger imnahen Ried werden um so eifriger, als jetzt die Sonne naht. Daerwacht auch die Amsel, schüttelt den Tau von ihrem schwarz-glänzenden Gefieder, wetzt den Schnabel am Zweige und hüpft höherhinauf am Ahornbaum. Sie wundert sich fast, daß der Tag schonder Dämmerung Herr wird und der Wald noch fortschläft. Zwei-mal, dreimal ruft sie über die Berge hin, hinüber an die andere
Bergwand und hinunter ins Tal, über dessen Bachader ein paardünne Nebelstreifen sich hingelegt haben. Dann flötet sie mit Machtund Feuer ihre metallreichen, herrlichen Strophen, bald in munteremHumor, bald in tiefen, klagenden Lauten. Rasch erwacht nun imganzen Revier das Leben der Tiere; zuerst nach der Amsel hörenwir häufig den Lockruf des Kuckucks durch alle Wälder. Dünne,bläuliche Rauchsäulen erheben sich fern in der Tiefe aus den Ka-minen der Dörfer; von den Gehöften bellen hin und wieder dieHunde; eine Kuhglocke ertönt; alle Vögel erheben sich ans ihren