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gebaut, Bergwerke eröffnet, Kanäle gegraben, Werkstättenund gewerbliche Anstalten aller Art errichtet, Schulen undDruckereien gegründet und, um die Zivilisation vollständigzu machen, den Küssen bei schwerer Strafe befohlen, ihrelangen Bärte zu scheren und deutsche Kleider anzulegen. Sowar Peter rastlos bemüht, Rußland an Bildung und Gesittungauf eine Stufe mit dem übrigen Europa zu heben. Freilichhaftete diese dem Volke wider Willen aufgepfropfte Kulturnoch sehr an der Oberfläche. Peter selbst blieb trotz seinergroßen Anlagen Zeit seines Lebens ein echter Barbar, rohund zügellos in Sitten und Begierden, gewalttätig und grau-sam bis zum Wahnsinn. In seinem Reiche führte er eineförmliche Schreckensherrschaft. Ein unvorsichtiges Wortgenügte, um Männer und Frauen den furchtbaren Qualender kaiserlichen Folterkammern und Henkersknechte zu über-liefern. ln seinem Despotismus ging er so folgerichtig zuWerke, daß er sich auch zum Oberhaupt der russischenKirche erklärte, Papst und Kaiser in einer Person vereinte.
3. Gründung von Petersburg (1703). — Trotzseiner ruhelosen Tätigkeit im Innern war es Peter möglich,auch nach außen seine Macht zu zeigen. Er konnte es nichtertragen, daß Rußland vom freien Weltverkehr abgeschnittensein sollte. Schon im Beginn seiner Regierung hatte er daherden Türken Asow, den Schlüssel zum Schwarzen Meere,entrissen. Dann führte er mit den Schweden einen zwanzig- 1700-1721jährigen Krieg, in welchem er zum erstenmal seine neugeschaffene Armee und Flotte erprobte. Nach anfänglichenNiederlagen gewann er glänzende Erfolge und entriß denSchweden die Osts eeprovinzen. Noch während des Kriegesbeschloß er, in dem erkämpften Gebiete eine neue Haupt-stadt in der Nähe des Meeres anzulegen. Er wählte dazudas sumpfige Gelände, wo die Newa sich in den finnischenMeerbusen ergießt. Pfingsten 1703 wurde der Grundsteinzu der neuen Stadt, die er St. Petersburg taufte, gelegt. 1703Hunderttausende von Leibeigenen, die auf zweihundert Meilenweit herbeigeschleppt wurden, mußten an den Befestigungs-