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6. Friedrichs des Großen innere Regierung(1740—86). — Friedrich der Große ließ es sich nunmehran kriegerischem Ruhme genug sein und gönnte seinen schwei-mitgenommenen Landen die Ruhe, deren sie zu ihrer Er-holung so dringend bedurften. Auch in den Geschäften desFriedens legte er übrigens eine außerordentliche Tatkraftan den Tag. Er regierte ebenso selbstherrlich oder nochselbstherrlicher, als Ludwig XIV., und verlangte für seineAnordnungen unbedingten Gehorsam. Aber es war ihm dochernst damit, wenn er sich nur als den ersten Diener desStaates bezeichnete; jederzeit setzte er das Wohl des Ganzenüber seinen persönlichen Vorteil. Für seinen ganzen Hof haltverbrauchte er nicht den sechsten Teil dessen, was der Königvon Frankreich allein für seine Pferde ausgab, und seineKleidung bestand aus ein paar Uniformen, die er flickenließ, wenn sie Risse bekamen. Durch solche Sparsamkeitgewann er die Mittel, eine große, schlagfertige Armee von200,000 Mann zu unterhalten, wie sie ihm für die Sicherheitund das Ansehen des preußischen Staates notwendig erschien.Wenn er in erster Linie seine Aufmerksamkeit dem Heer-wesen schenkte, so besaß er doch ein offenes Auge auchfür die andern Bedürfnisse seines Volkes. Er gab großeSummen aus für Hebung der Landwirtschaft, des Handelsund Gewerbes, er unterstützte Kunst und Wissenschaft undführte in der Erkenntnis, wie wichtig die Volksbildung sei,den Schulzwang ein. Umgekehrt gewährte er in religiösenDingen die vollständigste Freiheit und erklärte schon imBeginn seiner Regierung, in seinen Staaten habe jeder dasRecht, „nach seiner Fasson selig zu werden“. Auch im Ge-richtswesen wirkte er viel Gutes; so schaffte er unter andermdie Folter und die grausamen, ungewöhnlichen Strafen ab,wie sie damals noch allgemein üblich waren. Dagegen ließer die Leibeigenschaft der Bauern bestehen, weil er einestrenge Scheidung der Stände für notwendig hielt. Obgleiches mithin der Regierung des „alten Fritz“ an Schattenseitennicht fehlte, so war doch ganz Deutschland stolz auf ihn,