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Allgemeine Geschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen / von Wilhelm Oechsli
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und die übrigen Fürsten und Staatsmänner Europas blicktenauf ihn als das Vorbild, dem sie nachzustreben hätten.

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§ 50. Kaiser Joseph II.

1. Josephs II. Reformen (17801790). Der her-vorragendste unter den Nacheiferern Friedrichs des Großenwar der Sohn seiner Gegnerin Maria Theresia, Kaiser1780 Joseph II., der im Jahre 1780 der Mutter in der RegierungOesterreichs nachfolgte. Ein Herrscher von edelster Gesin-nung, der keine andere Rücksicht als die auf das Wohl desStaates kannte, fand er, daß die Zustände in Oesterreichdurchaus veraltet und verrottet seien, daß sie einer gründ-lichen Verbesserung bedürften. Zuerst begann er bei sichselbst und führte die größte Einfachheit und Sparsamkeit amHofe ein. Auch er wollte, wie Friedrich der Große, nur dererste Verwalter des Staates sein und verschmähte all denFirlefanz, mit dem die irdischen Majestäten die Augen derVölker zu blenden pflegten. Auch der geringste seiner Unter-tanen sollte ungehindert Zutritt zu ihm haben. Um zum Kaiserzu gelangen, bedurfte es nicht einmal einer Anmeldung. Manhatte nur in einen bestimmten Gang in seinem Schlosse zugehen, der zu seinem Arbeitszimmer führte und immer offenstand. Da kam der Kaiser von Zeit zu Zeit selbst herausund sprach mit den Leuten, nahm ihre Bittgesuche entgegenoder führte sie in sein Zimmer. Von morgens früh bisabends spät arbeitete Joseph II. an den Staatsgeschäften,kaum daß er sich zum Essen und Schlafen Zeit gönnte.Als Grundsatz seiner Regierung sprach er aus:Das allge-meine Beste hat dem Vorteil einzelner Klassen stets voran-zugehen. Der Fürst soll nicht einzelne mit Vorliebe, sonderndie Gesamtheit bedenken. In diesem Sinn nahm sich derKaiser des gedrückten Bauernstandes mit Eifer an und wagtees, die Leibeigenschaft im ganzen Umfang seines Reichesaufzuheben. Auch suchte er die Staatslasten gerechter zuverteilen, indem er die Steuervorrechte des Adels und der