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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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dienst als Sünde verwarfen und überhaupt erklärten, der Obrigkeitnur insoweit Gehorsam zu schulden, als ihre Befehle den Vorschriftenihrer Religion nicht widersprächen. Deshalb verordnete Trajan ausdie Anfrage eines Statthalters, wie er sich den Christen gegenüber zuVerhalten habe, man solle sie zwar nicht aufsuchen; aber wenn sie an-gezeigt würden und sich weigerten, dem Kaiserbild zu opfern, sollte mansie hinrichten. Dieser Erlaß Trajans bildete die Richtschnur, nach derauch seine Nachfolger verfuhren. So waren die Christen rechtlos imReiche. Von dem guten Willen eines Nachbars, von der Laune einesStatthalters hing es ab, ob sie nicht im Zirkus den wilden Tieren vor-geworfen, aus Kreuz geschlagen, lebendig verbrannt oder an Ketten inBergwerke gesperrt wurden; denn das waren die Strafen, welche siealsMajestätsverbrecher" undGotteslästerer" nach römischem Gesetzzu gewärtigen hatten. Immer war der Pöbel der Städte bereit, beiUnglücksfällen die Schuld auf die Christen zu wälzen und zu rufen:Die Christen vor die Löwen!" Unter Antoninus Pius wurde Poly -karp, der greise Bischof von Smyrna, vor den Prokonsul geführt.Als ihn dieser aufforderte, Christus zu fluchen, erwiderte er:86 Jahrehat mir mein Herr und Heiland nur Gutes erwiesen, wie könnte ichihm fluchen!" und bestieg mutig den Scheiterhaufen, den die Mengeemsig errichtet hatte. Wenn auch die Todesfurcht manchen zum Abfallbewog, Tausende wurden durch den Anblick der siegesgewissen Stand-haftigkeit, mit der die Christen in den martervollen Tod gingen, er-schüttert und für ihre Lehre gewonnen. So wurden die Hingerichtetenzu M ä r t y r e r n, d. h. zuZeugen" der Wahrheit des Evangeliums,und ein Kirchenlehrer durfte sagen:Das Blut der Märtyrer ist derSame der Kirche."

6. Entscheidungskämpfe unter Decius (24951) undDiokletian (303305). Die traurigen Zeiten, die nach MarkAurels Tod für das Reich hereinbrachen, waren dem Christentumaußerordentlich günstig. Unzählige suchten bei dem allgemeinen ElendZuflucht in dem Glauben an ein künftiges Glück, und wenn sich unterden schnell wechselnden Herrschern auch einzelne fanden, welche dieGrundsätze Trajans aufrecht erhielten, so ließen doch die meisten ausGleichgültigkeit die neue Religion unangefochten. Einige waren ihr