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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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Mittelalters ein Spielball der Franzosen, Spanier, Schweizer undDeutschen, die sich um seine schönsten Provinzen rissen, und geriet aber-mals auf Jahrzehnte in schmachvolle Abhängigkeit vom Auslande.

2. VenedigundFlorenz. Trotz seiner Zerrissenheit warItalien vor der Entdeckung Amerikas in Gewerbe, Handel, Seefahrtund Reichtum das erste Land der Welt. Venedig war der größteHandelsplatz, dieKönigin der Meere", mit seinen Kuppelkirchenund Marmorpalästen, seinen glänzenden Kaufläden, unzähligenSchiffen und seinem dichten Menschengewühls die schönste StadtEuropas. Im Gegensatz zu Mailand war es eine Republik geblieben,freilich nur insofern, als statt einer eine größere Anzahl von Familiensich ausschließlich der Herrschaft bemächtigt hatten. Lange war esauch in Venedig jedem Bürger möglich gewesen, zu den Staats-stellen zu gelangen. Dann waren allmählich Beschränkungen ein-getreten, und um 1300 hatten die Mitglieder desGroßenRatesder Republik die Ratsstellen in ihren Familien für erblich erklärtund sie, sowie alle übrigen Aemter der großen Mehrzahlder Bürger verschlossen. Seitdem bildeten diese bevor-zugten Geschlechter, deren Namen in einem besondem Verzeich-nis, dem goldenenBuche, eingetragen waren, den venetianischenAdel. Umsturzversuche wurden mit blutiger Härte unterdrückt. Damitkeiner der Adligen sich versucht fühle, etwa nach der Tyrannis zu streben,wurde die Macht des Dogen (Herzogs), der dem Namen nach dasOberhaupt der Republik war, aufs äußerste beschränkt und ihm außerdem Großen Rate, in welchem alle Familienoberhäupter nebst ihren er-wachsenen Söhnen saßen, noch eine Reihe anderer Behörden zur Seitegegeben. So wachte der geheime Rat der Zehn mit furchtbarerStrenge über die Verfassung. Er besaß Recht über Leben und Todaller Bürger, selbst des Dogen. Ueberall hatte er seine Späher, undeherne Löwenrachen in den Straßen waren stets bereit, geheime An-zeigen aufzunehmen. Wen er verurteilte, der verschwand, niemandwußte wohin. Anderseits läßt sich aber nicht leugnen, daß die venetia-nische Aristokratie in großartiger Weise auf das Wohl ihres Staatesbedacht war. Nicht nur, daß Venedig all seine Nebenbuhler im Handelüberflügelte, daß es sich ein Reich bildete, das die Po-Ebene bis Ber-