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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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bei den Italienern nie ganz verschollen; der Anblick der gewaltigenRuinen mahnte sie laut genug daran. Aber außer einigen Dichternwar im Grunde doch nur wenig mehr davon bekannt; selbst in Klöstern,die als Pslegstätten der Wissenschaft galten, lagen die mit den altenSchriftstellern beschriebenen Pergamentrollen auf fensterlosen Speichernin ungeordneten Haufen, dem Moder und den Ratten preisgegeben,oder was noch schlimmer war: der Unwissenheit der Mönche, die dasGeschriebene abkratzten, um Heiligengeschichten, erbauliche Betrach-tungen u. dergl. darauf zu schreiben. Da war es Petrarca, der sichzuerst wieder bemühte, die Werke der Alten vom Untergänge zu rettenund sich durch sorgfältiges Studium in ihren Geist zu vertiefen. Nachallen Seiten hin schickte er Briefe und Geld oder machte selber großeReisen, um ihnen nachzuspüren, und fast von jeder brachte er einenglücklichen Fund heim. Als er starb, fand man ihn in seiner Bibliothekmit dem Antlitz auf einem Buche ruhend. Boccacio, PetrarcasLandsmann und Schüler, eignete sich auch das Griechischem: und warseit langem wieder der erste Abendländer, der den Homer in der Ur-sprache zu lesen verstand. Das Streben der beiden fand eifrigste Nach-ahmung. Mit Leidenschaft wurden jetzt die Schriften und sonstigenUeberreste des Altertums gesucht und gesammelt, mit wahrem Heiß-hunger warf sich Italien auf die herrlichen Dichtungen, auf die reicheGedankenwelt der Griechen und Römer, ünd es bildete sich aus ihremStudium eine neue Wissenschaft, Humanismus genannt, die nichtwie die Scholastik sich mit theologischen Fragen befaßte, sondern mitder Ausbildung der menschlichen Geisteskräfte an den klassischen Werkender Alten. Päpste, Fürsten und Republiken wetteiferten bald mit-einander, berühmte Humanisten " herbeizurufen, und in allen größerenStädten wurden besondere Lehrstühle für die alten Sprachen errichtet.Niemand galt mehr für gebildet, der nicht im Gegensatze zu dem bar-barischen Mönchslatein des Mittelalters sich in der zierlichen SpracheCiceros auszudrücken wußte. Selbst Frauen sprachen und schriebenfertig lateinisch. Manche lernten sogar griechisch reden, namentlichseit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, welche vieleGriechen veranlaßte, nach Italien zu fliehen. Flo r e n z tat es in derPflege der neuen Wissenschaft allen zuvor; Cosimo und Lorenzo