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im Wege, der, abgesehen von seinen mittelländischen Gestaden, nochvöllig unbekannt war. Kein europäisches Schiff war an der West-küste über die Grenzen Marokkos hinausgekommen; der tote Strandder Sahara mit seinen gefährlichen Sandbänken schreckte von allemweiteren Vordringen ab. Ueberdies galt es von alters her als eineunumstößliche Wahrheit, daß die senkrechten Sonnenstrahlen alles Lebenversengten und deshalb die Zone zwischen den Wendekreisen unbewohn-bar sei, eine Ansicht, welcher der ungeheure Wüstengürtel vom Atlan-tischen Ozean bis nach Persien hinein Recht zu geben schien. Manglaubte sogar, das Meer fange gegen den Aequator hin an zu kochenoder sei so salzig, daß ein Schiff die dickflüssige Masse nicht mehr zuspalten vermöge. Zu den wenigen, die sich durch das Ansehen derAlter: und den Aberglauben der Menge nicht einschüchtern ließen, ge-hörte der portugiesische Jnfant (Prinz) Heinrich, der es zur Auf-gabe seines Lebens machte, den Schleier von dem benachbarten Erdteilezu heben. Er hatte dabei mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen.Obgleich der Kompaß schon seit dem 12. Jahrhundert in Europabekannt*) und damit das Mittel gegeben war, zu jeder Zeit auf offenerSee die Richtung zu erkennen, wohin man segelte, so waren doch diePortugiesen noch so furchtsame Seeleute, daß sie nicht wagten, beiihren Fahrten die Küste aus den Augen zu verlieren. Daher drangendie von Heinrich abgesandten Schiffer an der Küste der Sahara langeZeit nicht weiter als bis zum Kap Bojador, wo sie, von der Brandungeines mehrere Meilen weit vorspringenden Riffs erschreckt, umkehrten.Im Jahre 1434 getraute sich endlich einer seiner Edelleute, GilEannes .das gefährliche Vorgebirge zu umsegeln, und damit war der Zauber ge-brochen. Strecke um Strecke der Küste wurde jetzt erforscht, und alsdas „grüne" Vorgebirge mit seinen herrlichen Palmenwäldern sich denBlicken der Portugiesen enthüllte, als sie an die von Menschen ge-füllten Gestade Senegambiens kamen, da verschwand das Schreckbild
*) Schon um 1190 erwähnt ein nordfranzösischer Dichter Guit von Provinsdie Magnetnadel, die nach den, Polarstern zeige. Die gewöhnliche Erzählung,wonach Flavio Gioja aus Amalfi (bei Neapel) um 1300 den Kompaß er-funden haben soll, ist demnach unrichtig. Bei den Chinesen war er schonseit dem 4. Jahrhundert n. Chr. im Gebrauch. Siehe S. 42.