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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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sich der ängstlichere, aber gelehrtere und mildereMagister Philipp"mehr zumSäen und Pflanzen", zu friedlichem Aufbauen. Beide aberwaren einträchtig in ihrem Bestreben, die christliche Kirche zu refor-mt e r e n, d. h. wieder herzustellen, wie sie in den ersten Jahrhundertenbestanden hatte. Mit den Evangelien und Paulus hielten sie denGlauben an Gottes Barmherzigkeit für die einzige Bedingung zumHeile und verwarfen alle die sogenannten verdienstlichen Werke, alsKasteiungen, Wallfahrten, Fasten, Mönchsgelübde, sowie die Anrufungder Maria und der Heiligen als himmlischer Fürbitter. Die Messe,in welcher die katholische Kirche eine immer erneute Opferung Christierblickte, wurde durch das Abendmahl ersetzt, die Muttersprache stattdes Latein beim Gottesdienst eingeführt und das Hauptgewicht dabeiauf die Belehrung des Volkes, die Predigt gelegt. Die Klöster wur-den aufgehoben, ihr Vermögen zur Ausstattung von Landpfarreien,Schulen und wohltätigen Stiftungen verwendet und den Geistlichendie Ehe gestattet. Luther selbst legte seine Mönchskutte ab und ver-ehelichte sich mit Katharina von Bora, einer ehemaligen Nonne,mit der er ein glückliches Familienleben führte. Mit der Gewalt desPapstes siel auch die der Bischöfe, wodurch die oberste Leitung derkirchlichen Angelegenheiten an den Landessürsten kam, der darin selbst-verständlich nichts ohne den Beirat Luthers unternahm. Bei all diesenNeuerungen stützte sich der Reformator auf die Bibel als seine alleinigeRichtschnur; daher suchte er diese allem Volke zugänglich zu machendurch die berühmte Übersetzung, durch welche er der Schöpfer derneuhochdeutschen Schriftsprache wurde. Denn keiner verstand dasDeutsche so meisterlich zu handhaben wie Luther; bald war seineBibel das beliebteste Volksbuch und trug die obersächsische Kanzlei-sprache, in der sie geschrieben war, in jede Hütte Deutschlands. Wäh-rend er auch sonst unermüdlich tätig war, in Wort und Schrift demVolke religiöse Belehrung zu bieten, wandte sich Melanchthon inwissenschaftlichen Werken mehr an die Gelehrten, um vor ihnen dieReformation zu rechtfertigen. Aber die Neuerung blieb nicht aufSachsen beschränkt. Da alle wahrhaft bedeutenden Männer Deutsch-lands mit dem Nürnberger Dichter HansSachs derWittenbergerNachtigall" zujauchzten, verbreitete sich die Reformation rasch durch