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von Wien aus nach Italien gehen, als ihn ein neuer Aufstand der Stre-ichen in sein Reich zurückrief. Durch wochenlaüges Foltern, Knuten,Enthaupten, Hängen, Spießen und Rädern vernichtete er die gefähr-liche Kriegerkaste mit ihrem Anhang und bildete nun eine neue, vonausländischen Offizieren eingeübte Heeresmacht nach europäischemVorbilde. Zugleich wurden rastlos Kriegs- und Handelsschiffe gebaut,Manufakturen errichtet, Bergwerke, eröffnet, Kanäle gegraben und, umdie Zivilisation vollständig zu machen, den Russen bei schwerer Strafebefohlen, ihre Bärte abzuschneiden und deutsche Kleider anzulegen.Jeder Widerstand, der sich gegen die Neuerungen erhob, wurde inStrömen von Blut erstickt. Auch beseitigte Peter die letzten Schrankender Herrschergewalt, indem er sich zum Oberhaupt der russischen Kircheerklärte, den alten Geburtsadel seiner politischen Rechte beraubteund ihm nach Leibnizens Rat einen neuen persönlichen Adel zurSeite stellte, welcher die in verschiedene Rangstufen geteilten Staats-beamten umfaßte.
6. Der nordische Krieg (1700—21). — Unerträglich war esPeter, daß Rußland vom freien Weltverkehre abgeschnitten sein sollte.Schon im Beginne seiner Regierung hatte er den Krieg Oesterreichsgegen dieTürke n benutzt, umdiesen As o w, den Schlüssel zum SchwarzenMeere, zu entreißen. Eine glänzende Aussicht erössnete sich ihm imNorden, als der erst 15jährige Karl XII den schwedischen Thronbestieg. In der Hoffnung auf leichte Beute verband sich Peter mitden Königen von Dänemark und Polen-Sachsen, um über denKnaben herzufallen (1700). Aber dieser zeigte sich den Angreifern ge-wachsen. Rasch setzte Karl XII. mit einer Flotte über den Sund,bombardierte Kopenhagen und zwang die Dänen zum Frieden. Dannlandete er in Livland, vernichtete eine sechsfache russische Uebermachtbei N a r w a und schlug auch die Polen. Alle Welt staunte über denjugendlichen Helden, der binnen neun Monaten drei mächtige Königebesiegt hatte. Aber schon machten sich bei ihm auch ein bedenklicherMangel an Einsicht und trotziger Eigensinn bemerklich. Statt seinengefährlichsten Feind, den Zaren, zu verfolgen, wie ihm alle Ver-ständigen rieten, vergeudete er seine Zeit und Kraft damit, daß erdei Polen zur Entthronung ihres Königs, des Kurfürsten August