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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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war dies in gewissem Sinne ein Fortschritt zu nennen. Die trotzigeFeudalaristokratie, die srüher keinen Willen als den ihren gekannt,hatte gelernt, sich vor einem Höhern zu beugen. Ueberhaupt begannen,durch die königliche Autorität geeint, die verschiedenen Stände undLandesteile, von denen jeder früher nur seine besonderen Interessen imAuge gehabt hatte, sich als Glieder eines größern Ganzen, eines Staateszu suhlen. Aber dieser Fortschritt war durch einen Rückschritt erkauftworden, der jenen mehr als aufwog, durch den Verlust jeglicherFreiheit. Fast überall war das Recht der Nationen, durch die Ab-geordneten der Stände einigen Einfluß auf die Staatsleitung auszuüben, zur leeren Form herabgedrückt oder ganz beseitigt worden.Nach ihrem Belieben konnten jetzt die Fürsten Steuern erheben, Gesetzeändern und erlassen und in die Gerechtigkeitspflege eingreifen. Wienahe lag die Versuchung, so schrankenlose Gewalt zu mißbrauchen!Nach dem Beispiel Ludwigs XIV. wollten die Fürsten, daß alles imStaate, auch das Geringste, durch ihre Hand gehe. Früher hattenProvinzen, Städte und Gemeinden ihre innern Angelegenheitenmeist selber besorgt; jetzt entschied die Willkür der königlichen Beamten,ob das Dorf eine Brücke, die Stadt einen Platz und die Provinz eineStraße haben dürfe oder nicht. Jeder politischen Selbsttätigkeit desVolkes wurde ein Ende gemacht, alles wurde von oben herab komman-diert, in alles hineinregiert. Die Art der Kleider, die Größe der Per-rücken, die Beschaffenheit der Fabrikate wurde vorgeschrieben, dasTanzen, Spielen, Rauchen, Schnupfen, Kaffeetrinken u. a. von Staatswegen geregelt oder verboten.*) Der fürstlichen Laune gegenüberwar der Untertan vollkommen rechtlos. Auf einen sogenannten

Colbert schrieb de» Fabrikanten die Zahl der Fäden vor, die sie zuihren Geweben verwenden durften, und ließ die Waren, die nicht nach seinenVorschriften verfertigt waren, an den Galgen hängen und verbrennen. Fried-rich Wilhelm I. von Preußen ließ Mädchen, die nicht als Mägde dienenwollten, ins Zuchthaus setzen. Noch im Jahre 1775 war es in Waldeckdurch eine besondere Kaffecverordnung bei 10 Taler Strafe verboten, denWäscherinnen und Glätterinnen Kaffee zu reichen, und die Pfarrer mußtenauf den Kanzeln einladen, die Herrschaften, welche jener Verordnung zuwidergehandelt hatten, zur Bestrafung anzuzeigen.