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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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Siegelbrief" (Isttrs äs sackst), d. h. einen mit dem königlichen Siegelversehenen Befehl hin konnte in Frankreich jedermann ohne Angabeder Gründe in den Kerker geworfen und auf beliebige Zeit darin ge-halten werden, ohne je vor ein Gericht gestellt zu werden. BeimTode Ludwigs XIV. wurde ein Italiener in der Bastille gefunden,der am ersten Tage seiner Ankunft in Paris verhaftet worden war undseitdem 35 Jahre im Gefängnis geschmachtet hatte, ohne daß jemandwußte warum. In Deutschland war der Untertan kaum höher geachtetals ein Sklave. Friedrich Wilhelm I. von Preußen ließ den Weiberndie kattunenen Röcke auf offener Straße vom Leibe reißen, weil erdas Tragen von Baumwollstoffen verboten hatte, um der heimischenLinnenindustrie Vorschub zu leisten. Wenn ihn die Laune ankam,prügelte er die Leute auf den Straßen, so daß ihm jedermann vollerFurcht aus dem Wege ging. Um sein Riesenregiment zu füllen, be-trieb er einen förmlichen Menschenraub; kein wohlgewachsener Mensch,ob Student, ob Bauernburfche, war vor feinen Häschern sicher. UmPeter I., der ihm große Russen geschenkt hatte, seine Erkenntlichkeitzu beweisen, ließ er preußische Schmiede aufheben und gewaltsamnach Rußland schleppen. Leopold I., dessen weiches, wohlwollendesHerz gerühmt wird, ließ 1687 nach der Wiedereroberung Ungarnsden Adel des Landes zuEperiesin Masse foltern, köpfen, rädern undvierteilen, um ihn zur Verzichtleistung auf sein Recht zur Königswahlzu zwingen. Ein Markgraf von Ansbach im 18. Jahrhundert forderteeinem schildwachestehenden Soldaten das Gewehr ab; als ihm dieserwillfahrte, ließ er ihn als Feigling am Schweife eines Pferdes zuTode schleifen. Derselbe schoß den Wärter seiner Hunde wegen Un-achtsamkeit eigenhändig nieder. Noch im amerikanischen Befreiungs-kriege verkaufte der Landgraf von Hessen nebst andern deutschen FürstenTausende seiner Landeskinder als Soldaten an England und führteaus dem Ertrage dieses Menschenhandels einen Hofhält, der an ver-schwenderischer Pracht mit Versailles wetteiferte. Da die meistenHöfe zugleich ein Herd der schamlosesten Sittenverderbnis warender französische gab dabei den Ton an, wurde aber von manchem deutschennoch übertroffen so war, auch abgesehen von einem Peter I., zwischenasiatischer Sultanswirtschaft und derjenigen manches europäischen