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allerlei Krankheiten heilen, so groß ist seine Macht über die Geisterder Menschen. 1
Aber was ich dir von diesem Fürsten berichte, darf dich nicht
wundern; gibt es doch noch einen andern Zauberer, welcher mächtiger
ist als der König und nicht minder den Geist des letzteren beherrscht,als dieser die Geister aller übrigen. Dieser Zauberer heißt der Papst.Bald macht er ihn glauben, drei sei nur eins 2 ; bald wieder, das Brot,welches man ißt, sei kein Brot, und der Wein, den man trinkt, sei keinWein 2 , und tausend ähnliche Seltsamkeiten. Um ihn aber stets in Atemzu erhalten und zu verhüten, daß er die Gewohnheit des Glaubens ver-liere, gibt er ihm von Zeit zu Zeit zur Übung gewisse Glaubenssätze.So schickte er ihm vor zwei Jahren ein großes Schriftstück, welches er
«Konstitution» 3 nannte, und wollte den Fürsten und seine Untertanen
unter Androhung schwerer Strafen zwingen, alles zu glauben, was daringeschrieben stand. Er erreichte auch seinen Zweck bei dem Fürsten,der sich alsbald unterwarf und damit seinen Untertanen ein Beispielgab. Unter den letzteren aber zeigten sieh einige widerspenstig; denndie Konstitution verbietet ihnen, ein Buch zu lesen, von welchem alleChristen sagen, daß es ihnen vom Himmel selbst gegeben sei.
Ich habe Dinge über den König erzählen hören, die ans Fabelhaftestreifen. So sagt man, daß während eines Krieges mit seinen Nachbarn,die sich alle gegen ihn verbündet hatten, eine unzählige. Menge von un-sichtbaren Feinden in seinem Reich ihn überall umgeben habe. Man fügthinzu, daß er sie mehr als dreißig Jahre gesucht und ungeachtet derunermüdlichen Sorge gewisser Derwische 4 , die seine Vertrauten sind,ihrer keinen einzigen habe finden können. Sie leben mit ihm, sie sindan seinem Hofe, in seiner Hauptstadt, in seinem Heere, in seinen Gerichts-höfen ; und dennoch wird er wohl den Kummer haben, sterben zh müssen,ohne daß es ihm gelungen wäre, sie zu entdecken. Man möchte sie füreinen allgemeinen Begriff halten, dem die konkrete Existenz fehlt, füreinen Körper ohne Glieder, Augenscheinlich will der Himmel diesenFürsten dafür strafen, daß er gegen seine besiegten Feinde nicht genugMäßigung bewiesen hat; darum umgibt er ihn mit unsichtbaren 5 , derenGeist und Bestimmung größer sind, als seine eigenen.
1 Es war bei den französischen Königen alter Brauch, nach der Messe dieKranken mit dem Zeichen des Kreuzes zu segnen, wobei sie die Worte sprachen:„Der König berührt dich, Gott heile dich.“
2 Lehren von der Trinität und der Transsubstantiation.
3 Die „Konstitution“ oder Bulle Unigenitus wurde von Papst Clemens XI.1713 erlassen und bekämpfte nicht nur die Lehren des Jansenismus, sondernzum Teil sogar das Neue Testament. Die Jansenisten waren Feinde der Jesuitenund verehrten Augustinus als größten Kirchenlehrer. — Siehe Nr. 87.
4 Die Jesuiten.
s Es ist von dön jansenistisehen Anhängern von Port Royal die Rede, dieLudwig XIV. auf Anstiften der Jesuiten durch Ketzerverfolguügen zu unter-drücken suchte, ohne dadurch die Vermehrung ihrer Sekte hindern zu können.