Band 
Dritter Teil.
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Brief 37: Der König von Frankreich ist ein alter Mann. 1 UnsereGeschichte besitzt kein Beispiel eines Monarchen, der so lange regierthätte. Er soll es besonders gut verstehen, sich Gehorsam zu verschaffen;sein Geist beherrscht in gleichem Maße Familie, Hof und Staat. Manhat ihn oftmals sagen hören, daß unter allen Eegierungsformen von derWelt die der Türken oder die unseres erhabenen Sultans [von Persien]ihm am besten gefallen würde; so hoch ist seine Meinung von der orien-talischen Staatskunst.

Ich habe seinen Charakter studiert und darih Widersprüche ent-deckt, die ich nicht zu lösen vermag. So hat er zum Beispiel einen Minister 2 ,der erst achtzehn, und eine Maitresse 3 , die bereits achtzig Jahre altist. Er liebt seine Religion; aber die Leute, die sagen, daß man siestreng beobachten müsse, sind ihm verhaßt 4 . Obgleich er den Lärm derStädte flieht, ist er doch vom Morgen bis zum Abend nur damit beschäf-tigt, der Welt Stoff zum Gespräch zu liefern. Er liebt Trophäen undSiege; aber er fürchtet gerade so sehr, einen tüchtigen Feldherrn ander Spitze seiner Truppen zu sehen, als er Ursache haben würde, ihnzu fürchten, wenn derselbe ein feindliches Heer befehligte. Ich glaube,daß bis auf ihn niemand in der sonderbaren Lage gewesen ist, mit mehrdenn fürstlichen Reichtümern überhäuft zu sein und sich aber doch ineiner drückenden Armut 5 zu befinden, wie sie selbst ein Privatmann nichtaushalten könnte.

Es macht ihm Vergnügen, empfangene Dienste durch Gnadenge-schenke zu belohnen; aber er vergilt ebenso freigebig die Tätigkeit,oder richtiger die Untätigkeit seiner Höflinge wie die mühseligen Feld-züge seiner Heerführer. Nicht selten zieht er einen Menschen, der ihnauskleidet oder ihm die Serviette reicht, wenn er sich zur Tafel setzt,einem andern vor, welcher ihm Städte erobert oder Schlachten gewinnt.Er glaubt nicht, daß die souveräne Größe mit ihren Gnadenerweisungensparsam schalten dürfe; und ohne zu prüfen, ob der, welchen er mitGunstbezeignungen überhäuft, ein verdienstvoller Mann sei, meint er,daß seme Wahl ihn dazu machen werde. So hat man auch erlebt, daßer einem Menschen, welcher zwei Meilen weit vor dem Feinde ausge-rissen war, eine kleine Pension aussetzte, und einem andern, der vierMeilen weit davon gelaufen, eine schöne Statthalterschaft verlieh.

Er ist prachtliebend, besonders hinsichtlich seiner Bauten 6 ; in denGärten seines Palastes gibt es mehr Statuen, als Bürger in einer großenStadt. Seine Leibwache ist so stark wie die des Fürsten, vor welchem

1 Ludwig XIV. stand damals im 75. Lebensjahr, im 70. seiner Herrschaft.

3 Louis Francois Letellier, ein Sohn des berühmten Kriegsministers Louvois.

3 Frau von Maintenon.

4 Die Jansenisten.

5 Bei Ludwigs Tod sollen des Königs Möbel noch unbezahlt gewesen undsein Silberzeug verkauft worden sein, um einige seiner Schulden mit dem Erlöszu decken.

6 Voltaire naunte Versailles „l’abime des depenses“. Der Palast und dieGärten sollen über eine Milliarde Livres gekostet haben.