Elisabeth Charlotte gehörte dem durch geistreiche Frauen ausgezeichnetenGeschlechts an, das aus der Ehe .Friedrichs V. von der Pfalz und der PrinzessinElisabeth aus dem Hause Stuart hervorgegangen ist. „Mit dem BruderLudwigs XIV., Herzog Philipp von Orleans, vermählt, fühlte sie sich andem französischen Hofe doch niemals eigentlich zu Hause“. Mit ihren deut-schen Freunden und Verwandten stand sie in lebhaftem Briefwechsel, namentlichmit ihrer Tante, der Kurfürstin Sophie von Hannover, an die die meisten dernachstehenden Briefe gerichtet sind. „Obwohl flüchtig hingeworfen, sind darunterviele durch den Gegenstand geadelt, drastisch und treffend“ und gewinnen hieund da eine wahrhaft historische Bedeutung. Ihr Haß gegen Mme de Maintenonreißt sie oft zu allzu harten Urteilen hin. — Vgl. die Einleitung zu Nr. 91.
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St. Germain, 14. Dezember 1676. — Ich muß sagen, daß derKönig mir täglich mehr Gnade erweist; denn er spricht mir überallzu, wo er mich antrifft, und läßt mich jetzt alle Samstag holen, umMedianosche- 1 mit ihm bei Madame de Montespan* * zu halten. Diesesmacht auch, daß ich jetzt sehr ä la Mode bin; denn alles, was ich sageund tue, es sei gut oder überzwerch, das admirieren die Hofleute der-maßen, daß, wie ich mich jetzt bei dieser Kälte bedacht, meinen altenZobel anzutun, um wärmer auf dem Hals zu haben, so läßt jetzt jeder-mann auch einen nach diesem Schnitt machen und es ist jetzt die größteMode; welches mich wohl lachen macht; denn eben dieselben, so jetztdiese Mode admirieren und selber tragen, haben mich vor fünf Jahrendermaßen ausgelacht und so sehr mit meinem Zobel beschrien, daß ichihn seitdem nicht mehr habe antun dürfen. So gehts hier bei diesemHofe zu, wenn die Kurtisane sich einbilden, daß einer in Gunst ist, somag einer auch tun was er will, so kann man doch versichert sein,daß man gebilligt werden wird; hergegen aber, wenn sie sich dasGegenteil einbilden, so werden sie einen vor ridikül halten, wenn ergleich vom Himmel käme. Wollte Gott, daß es sich schicken könnte,daß Eure Liebden ein Monat etliche hier' sein und dieses Leben sehenkönnten.
Paris, 3. Februar 1679. — Damit ich wieder auf meinenText komme, so will ich Eurer Liebden teutsch heraus bekennen, daßman hier ganz stinkhoffärtig ist und so hoch hinaus und nirgends anwill, daß es nicht zu erdenken, noch zu sagen ist.
St. Germain, 19. Februar 1682. — Alles ist nicht Gold, wasglänzt, und was män auch von der französischen Libertät prahlen mag,so seind alle Vergnügungen so gezwungen, daß es nicht auszusprechenist. Und über das, so bin ich, seit ich hier im Lande bin, so Vielschlimme Sachen gewohnt, daß, wann ich einmal wieder an einem Ortsein könnte, wo die Falschheit nicht so sehr regieret und die Lügennicht im Schwange sein, so würde ich glauben, ein Paradies gefundenzu haben.
1 medianoche, Mitternachtsschmaus.
* Maitresse des Königs.