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einem, der nicht gar unsinnig ist, die Lust zu Ausschweifungen baldvergehen muß. In diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, stehtBett an Bett gereiht, in deren jedem ein elender Menschensohn auf seineeigene Art den Tod und nur wenige Genesung erwarten. Hier einDutzend, die unter den Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zeter-geschrei erheben; dort andre, die sich unter ihren Decken krümmen,wie ein halb zertretener Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern.Meist mochten wir’s da nur wenige Minuten aushalten, gingen wiederan Gottes Luft und setzten uns auf einen Rasenplatz. Da führte unsereEinbildungskraft fast immer unwillkürlich ins Schweizerland zurück, underzählten wir einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl’s uns war,wie frei wir gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei.Dann machten wir Pläne zu unserer Entledigung. Bald hatten wir Hoff-nung, daß uns heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wirvor jedem einen unübersteiglichen-Berg; am meisten schreckte uns dieVorstellung der Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochenhörten wir nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten De-serteurs, die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schifferund andere Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnenund Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir Zusehen,wie man sie durch zweihundert Mann -achtmal die lange Gasse auf undab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken, wie sie des fol-genden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten Rückenbernntergerissen, und wie wieder frisch drauf los gehauen wurde, bisFetzen geronnenen Blutes ihnen über die Hosen herab hingen. Dann sahenSchärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten einander indie Obren: «Die verdammten Barbaren!» Was hiernächst auf dem Exer-zierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch dawar des Fluchens und Karbatschens 1 von prügelsüchtigen Junkerleins,und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selberwaren zwar immer von den ersten auf der Stelle und tummelten unswacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, andre um jederKleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber jahrein, jahrausso kujoniert zu sehen: oft ganzer fünf Stunden lang, in unsrer Montureingeschnürt, wie geschraubt stehen, in die Kreuz und Quer pfahlgeradmarschieren und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zumüssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit furiosem Ge-sicht und aufgehobenem Stock vor uns stund und alle Augenblicke wieunter Kabisköpfe dreinzuhauen drohte. Bei einem solchen Traktementmußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und der geduldigste ra-send werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so ging’s schonwieder über Hals und Kopf, unsi'e Wäsche zurechtzumachen und jedesFleckchen auszumustern, denn bis an den blauen Rock war unsre ganzeUniform weiß. Gewehr, Patroutasche, Kuppel, jeder Knopf an derMontur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einemdieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der Frisur
1 Karbatsche = Riemenpeitsche.