Band 
Dritter Teil.
Seite
378
JPEG-Download
 

378

zurückzuweisen oder zu bestrafen. Er bildete sich ein, sicher zu regieren,wenn er alle Zweige der Verwaltung zerstfickte, isolierte und in jederProvinz Zwietracht säte. In der Eifersucht auf seine Macht untergruber die Autorität seiner Minister und Gouverneure. Auch ein Fürst, wel-cher die Wissenschaft der Regierung von Grund ans studiert und ineinfache gleichförmige Grundsätze vereinigt hätte, wäre nicht imstandegewesen, so verschiedene Gegenstände durchznfnhren, oder vielmehr erhätte gar nicht den Versuch gemacht, und Joseph II. wagte das alleszn unternehmen. In seinem unruhigen Temperamente verband er damitein zerstreutes Leben und eine wahre Reisewut. Um den Schein zu ver-meiden, als habe er den Rat seiner Minister vonnöten, umgab er sichmit einer Schar subalterner Intriganten. Ein solches Regiment mußteunter seiner eigenen Last zusammenbrechen. Ehe zehn Jahre verflossenwaren, drohte auch der allgemeine Ruin. Dieser Fürst, der seine Ver-waltung unter so glücklichen Auspizien begonnen, mußte seine willkür-lichen Anordnungen in Belgien und Ungarn widerrufen; er beendete seineLaufbahn mit 49 Jahren, der Regierung und des Lebens müde, und be-trachtete das Grab als einen Schutz gegen den allgemeinen Sturm undals das Ende seines Mißgeschickes,

161. Die Stellung Maria Theresias und Josephs II. zu Religionund Toleranz, 1775, 1777, 1781.

Briefe der Kaiserin Maria Theresia, heransgegeben von Fred-Kubin, Bd. I, S. 239 f, 241—244. — von Arnetli, Maria Theresia und Joseph II.,Bd. II, S. 160. — Loesche, Jahrbuch der Gesellschaft ftir die Geschichte desProtestantismus in Österreich, 32. und 33. Jahrgang. — Neue Orthographie.

Nach dem Tode Franz’ I. wurde Erzherzog Joseph 1765 zum Kaiser ge-wählt, und Maria Theresia ernannte ihn für Österreich zum Mitregenten; aberbeider Verschiedenheit in der Weltanschauung führte oft zu Konflikten, war dochJoseph zum großen Schmerze der Mutter ein eigentlicher BewundererFriedriehs II.von Preußen. Den Grundsätzen der Aufklärung zugetan, hätte er lieber dieMitregentschaft aufgegeben, als von seiner Überzeugung zu lassen.

*

.4. Aus dem Briefwechsel zwischen Mutter und Sohn.

Maria Theresia an Joseph II., 24. Dezember 1775:

Zwischen uns waltet ein großer Unstern; mit dem besten Willenverstellen wir uns nicht. Es ist möglich,-daß ich vom Schmerz zu nieder-geschlagen bin, um das Vertrauen und diese Offenherzigkeit mir. gegen-über zu erkennen, die ich zu verdienen geglaubt hätte; das macht denVerdruß meines Lebens aus. Ich darf wohl sagen, daß ich mich seit36 Jahren nur mit Ihnen beschäftigt habe. Sechsundzwanzig davon sindglücklich gewesen, was ich von der Gegenwart nicht mehr behauptenkann, da ich den allzu gelockerten Grundsätzen in Religion und Sittennie werde zustimmen können. Sie zeigen zu große Abneigung gegen allealten Gebräuche und die ganze Geistlichkeit, sowie zu freie Grundsätze