Band 
Dritter Teil.
Seite
379
JPEG-Download
 

379

in Moral und Sitten. Ihre mißliche Lage beunruhigt meiit Herz undläßt mich für die Zukunft zittern.

Maria Theresia an Joseph II., Juli 1777:

Ohne herrschende Religion ? Die Toleranz, der Indifl’erentismus sindgerade die richtigen Mittel, um alles zu untergraben, daß nichts Bestandhat, und dabei werden wir die Hereingefallenen sein. Nichts ist sonützlich und heilsam wie die Religion. Wollen Sie darauf warten, daßjeder sich eine nach eigener Phantasie bildet ? Was soll wohl aus unswerden ohne festen Kult, ohne Unterwerfung unter die Kirche? Ruheund Zufriedenheit werden nicht daraus entstehen, das Faustrecht undnoch andere unglückliche Zeiten folgen, wie man ja schon gesehen hat.Stellen Sie sich vor, was ich um Sie, Ihrer irrigen Grundsätze wegen,leiden muß. Es handelt sich nicht nur um das Staatsglück, nicht umIhre Erhaltung, sondern um Ihr Heil. Durch Beobachten, Zuhören, durchVerbinden dieses Widerspruchsgeistes mit dem gleichzeitig vorhandenenSchaffensdrang verlieren Sie sich und ziehen dabei die ganze Monarchienach sich mit allen schweren Sorgen Ihrer Vorfahren, die uns durchgroße Anstrengung diese Provinzen 1 hinterlassen und sie noch sehr ver-bessert haben, indem sie mit Sorgen, Mühen und Kosten unsere heiligeReligion einfübrten. Kein Geist der Verfolgung, aber noch weniger derGleichgültigkeit' und der Toleranz soll mich leiten, so lange ich lebe ;und ich möchte nur so lange leben,, bis ich mit diesem Trost zu meinenVorfahren in die Grün steigen kann, daß mein Sohn ebenso groß, ebensoreligiös sein wird, wie sein Vorgänger und sich von falschen Urteilenund schlechten Büchern lossagt; auch von denen loskommt, die aufKosten alles messen, was nur heilig und verehrungswiirdig ist, ihrenGeist glänzen lassen und eine eingebildete Freiheit einführen wollen,die nie bestehen kann, und die nur in Ungebundenheit und gänzlichenUmsturz ausartet.

Joseph II. an Maria Theresia, Turas, 23. September 1777 :

Teuerste Mutter! Meine Pflicht und der unausgesetzte Eifer, denich. Ihrem Dienste und Ihrem Ruhm gewidmet habe, zwingen mich, Ihnendemütigst vorzustellen, daß die Vorschriften, die kürzlich in bezug aufdie Reformierten in Mähren erlassen worden sind, und von denen ichmir die Abschrift Ihuen zu übersenden gestatte, allen von jeher aner-kannten Grundsätzen, die unsere Religion und eine gute Verwaltung undschon der gesunde Menschenverstand fordern, so sehr entgegengesetztsind, daß ich nicht den geringsten Zweifel hege, Ihr Scharfblick werde,sobald Sie Kenntnis davon genommen haben, die notwendige und auchschnelle Abhilfe zu finden wissen. Kann man sich etwas Abgeschmackteres

1 Mähren und Böhmen. Im Mai 1777 erhielt man in Wien die Nachricht,daß 10000 Katholiken in Mähren zum Protestantismus libergetreten seien. Am12. September erging an das mährische .Landesgnbernium von Wien aus einReskript, welches las gegen die Abtrünnigen zu beobachtende Verfahren vor-schrieb. Hierauf bezieht sich der folgende Brief Josephs an Maria Theresia.