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B. Geschichte des Mittelalters.
(476 n. Chr. bis 1492.)
I. 1 )io Antänge des Mittelalt<‘rs.
§ 22. Das Christentum.
1. Verfolgung (1.—3. Jahrh.). — Unter dem un-scheinbaren und verachteten Volke der Juden war zurZeit des Kaisers Augustus Jesus Christus geborenworden, dessen erhabene Lehre von der Gotteskindschaftaller Menschen, von der Liebe, die jeder seinem Nächsten,ja seinem Feinde schulde, der Welt die religiöse und sitt-liche Erneuerung brachte, deren sie so dringend bedurfte.Von den Juden mit Hohn und Verachtung zurückgewiesen,bahnte sich der Glaube an den Gekreuzigten und Aufer-standenen rasch den Weg unter die Heiden. Namentlichsuchten die Armen und Gedrückten im Glauben an einbesseres Jenseits Trost für die Leiden dieser Welt. Dieheiligen Schriften gingen von Hand zu Hand. Einer ludden andern zur Christenversammlung ein, und ergreifend\ war der Eindruck des inneren Friedens, des festen Zu-
sammenhaltens in der Gemeinde, in der Freie und Sklavensich als Brüder umarmten. Indes erweckte die neue Re-ligion früh auch bittere Feindschaft. Die Gebildeten ver-achteten die Anbetung eines „gekreuzigten Aufrührers“als sinnlosen, finsteren Aberglauben. Die Menge war denChristen abgeneigt, weil sie ihre Feste und Lustbarkeitenflohen und alles, was sie für heilig hielt, offen verabscheu-ten. Sonst hatten die Römer den weisen Grundsatz, dieverschiedenen Religionen ihrer Untertanen zu achten undzu schonen; aber es war bei ihnen ein altes Gesetz, daßdie Bekenner „neuer und unerlaubter Religionen“ straf-würdig seien. Wie hätten nun die Kaiser eine Religiongestatten können, die alle anderen als falsch und lügnerischangriff und selbst die ehrwürdigen vaterländischen Götter
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