Buch 
Allgemeine Geschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen / Wilhelm Oechsli
Entstehung
Seite
119
JPEG-Download
 

119

für eitle Götzen erklärte? Auch erschienen ihnen dieChristen als schlechte Untertanen, weil sie sich weigerten,den Kaiserbildern Wein und Weihrauch zu opfern, wiesonst alle Angehörigen des Reiches taten, weil sie über-haupt erklärten, der Obrigkeit nur so weit gehorchen zukönnen, als ihre Befehle den Vorschriften der Religionnicht widersprächen. So kam es, daß nicht bloß Despotenwie Nero sie verfolgten, sondern daß seihst die bestenKaiser im Christentum ein Verbrechen erblickten, dasmit Strenge zu bestrafen sei. Jahrhunderte hindurchwaren die Christen rechtlos im Reiche. Vom guten Willeneines Nachbars, von der Laune eines Statthalters hing esab, oh sie nicht an Ketten in Bergwerke gesperrt, im Am-phitheater wilden Tieren vorgeworfen, ans Kreuz ge-schlagen oder lebendig verbrannt wurden. Denn das warendie Strafen, die sie alsMajestätsverbrecher undGottes-lästerer nach römischem Gesetz zu gewärtigen hatten.

Aber wenn auch die Todesfurcht manchen zum Abfallbewog, Tausende wurden durch die Standhaftigkeit, mitder Christen und Christinnen in den qualvollen Tod gin-gen, erschüttert und für die neue Lehre gewonnen. Sowurden die.Hingerichteten zu Märt y r e r n, d. i. zu Blut-zeugen des Evangeliums, und ein Kirchenlehrer konntemit Recht sagen, das Blut der Märtyrer sei der Same derKirche. Ie trauriger die Zustände im Römerreich wurden,desto stärker schwoll die Zahl der Bekenner Jesu an. Nocheinmal machte der Kaiser Diokletian, der sonst einsehr tüchtiger Herrscher war, den Versuch, die neue Re- 303 n. Chr.ligion, die ihm den Staat zu untergraben schien, mitStumpf und Stil auszurotten. Allerorten wurde von Be-hörden und Pöbel aufs gräßlichste gegen die Christen ge-wütet. Keine Marter blieb unversucht, um sie zum Abfallzu zwingen. Aber der christliche Glaubensmut war stär-f her, als die erfinderische Grausamkeit der kaiserlichen

Henker und Folterknechte. Auch hier bewährte sich diealte Wahrheit, daß man Gedanken nicht mit dem Schwerteumbringen kann.