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Allgemeine Geschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen / Wilhelm Oechsli
Entstehung
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159
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das Interregnum nennt. Das Reich war völlig derWillkür des hohen und niedern Adels preisgegeben. Wäh-rend die Großen Städte nnd Länder an sich rissen, fielendie gewöhnlichen Ritter von ihren Felsennestern herabüber den friedlichen Kaufmann her und bereicherten sichdurch Straßenraub. Die wildeste Gesetzlosigkeit herrschteallenthalben; nur dasFaustrecht hatte Geltung. Endlieh machten die Fürsten auf die Ermahnung des Papstesdiesem Unwesen insofern ein Ende, als sie 1273 in der tPerson des Grafen Rudolf von Habsburg wiedereinen wirklichen König wählten. Dieser dachte aberkeineswegs daran, in die Fußstapfen der Hohenstaufenzu treten. Vielmehr unterwarf er sich in allem dem Papst,erbat sich von ihm die Bestätigung seiner Wahl und be-schränkte sich in seiner Herrschaft auf Deutschland, in-dem er Italien seinem Schicksal überließ.

9. M acht de r K i r c h e. Kein deutscher König,auch wenn er den Kaisertitel trug, wagte fortan mehr,dem apostolischen Stuhl in Rom das höchste Richteramtim Abendlande streitig zu machen. Um zu diesem Zielezu gelangen, hatten die Päpste zu allen Mitteln gegriffenund auch die krummsten Wege nicht verschmäht. Dochwürden sie den Sieg nicht davongetragen haben, wenndamals die Völker nicht in der Kirche ihr Höchstes undBestes erblickt und daher auch ihrem Lenker die größteVerehrung entgegengebracht hätten. Bann und Interdiktwaren mehr gefürchtet, als Krieg und Hungersnot, weildiese nur den Leib, jene aber die Seele mit Vernichtungzu bedrohen schienen. Die Sorge uin das Seelenheil triebhoch und niedrig zu Schenkungen und Vermächtnissenan die Kirche, durch die man sich einen Platz im Himmelzu sichern hoffte, und Hunderttausende suchten durchdie härteste Enthaltsamkeit das ewige Leben zu ver-dienen. Das Mönchstum nahm einen gewaltigen Auf-schwung. Allerorten wurden neue Klöster gegründet undneue Mönchsorden gestiftet, die einander an Strenge zuüberbieten suchten. Wissenschaft und Kunst standen fast