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Lehrbuch der Zoologie / von Richard Hertwig
Entstehung
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Einleitung.

Der Mensch, welcher vorurteilsfrei die Natur beobachten gelernthat, sieht sich inmitten einer bunten Mannigfaltigkeit von Organismen,welche ihm in ihrem Bau und mehr noch in ihren LebenserscheinungenÄhnlichkeit mit dem eigenen Wesen verraten. Die Ähnlichkeit tritt ihmbei vielen Säugetieren, besonders den menschenähnlichen Affen, mit derDeutlichkeit einer Karrikatur entgegen, verwischt sich bei den wirbellosenTieren, läßt sich aber selbst bei den niedersten Lebewesen, deren Kennt-nis wir der Hilfe des Mikroskops verdanken, noch nach weisen, wennauch hier die Lebensvorgänge, welche in unserem Körper eine staunens-werte Komplikation und Vollkommenheit erreicht haben, nur in ihreneinfachsten Grundzügen erkannt werden können. Der Mensch ist Teileines großen Ganzen, des Tierreichs, eine Gestalt unter den vielen Hundert-tausenden von Gestalten, in denen die tierische Organisation zum Aus-druck gelangt.

Will man den Bau des Menschen daher vollkommen verstehen, somuß man ihn auf dem Hintergrund betrachten, welchen die Organisations-verhältnisse der übrigen Tiere bilden, und zu dem Zweck diese Organi-sationsverhältnisse erforschen. Derartige Bestrebungen waren es, denendie wissenschaftliche Tierkunde oder die Zoologie ihre Entstehung undfortdauernde Förderung verdankte: sie sind auch heute noch vollkommenberechtigt und dürfen von dem Zoologen nicht vernachlässigt werden.Allein inzwischen hat sich die Aufgabe der Zoologie erweitert; auch un-abhängig von den Beziehungen zum Menschen hat der Zoologe die Ge-stalten der Tiere und das Verhältnis derselben zu einander zu erklären.Es ist das ein reiches Feld wissenschaftlicher Tätigkeit, dessen ungeheureAusdehnung bedingt wird einerseits von der fast unerschöpflichen Mannig-faltigkeit der tierischen Organisation, andererseits von der Verschieden-artigkeit der Gesichtspunkte, mit denen der Zoologe an die Lösungseiner Aufgaben herantritt.

In der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts überwog inwissenschaftlichen Kreisen die Auffassung, welche sich jetzt noch unterLaien als die herrschende erhalten hat, daß die Zoologie die Aufgabehabe, die einzelnen Tiere mit Namen zu belegen, nach wenigen leichterkennbaren Merkmalen zu charakterisieren und in einer die schnelleBestimmung ermöglichenden, übersichtlichen Weise anzuordnen. UnterTierkunde verstand man Systematik der Tiere, das heißt nur einenTeil der Zoologie, sogar einen Teil, der für sich allein von untergeord-neter Bedeutung ist und auf wissenschaftlichen Wert nur dann Ansprucherheben kann, wenn er mit anderen Fragen (Tiergeographie, Yariabilitäts-

Hertwig, Lehrbuch der Zoologie. 8. Auf). 1

Systems.

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