186 Zweites Buch: Literatur und Kunst Europas im Zeichen der Romantik. 8 28-
Bulwer1808—187S
Dickens
1812—1870
Thackeray1811 — 18 SS
höhere Ansprüche auf Beachtung erheben darf, Charles Reade, Holme Lee, endlich der Mseinem Leben etwas abenteuerliche Benjamin Disraeli, später Premierminister und zumLord Beaconsfield erhoben, der in seinen Romanen auf eine Besserung der Verhältnisse imSinne des „jungen Englands" hinarbeitete, im Lnäz-inion aber sich selbst verherrlichthaben soll, und eine Menge anderer die lesebegierige Welt unterhielten. Daneben über-fluteten und überfluten noch ungezählte Damen den Büchermarkt mit wohlgemeinten, mora-lischen, aber tatsächlich jede tatkräftige Sittlichkeit lähmenden und echte Frömmigkeit ver-wässernden Novellen. Diese Art ist von den Predigtromanen Hannah Mores an, die dereinstdurch Walter Scott zurückgedrängt wurden, bis in die Gegenwart durch eine lange Reihevon Namen wie Jane Allsten, Miß Martineau, Lady Blessington, Mrs. March, Mrs-Wood, Miß Porige, Mrs. Gaskell u. s. w. vertreten. Schlimmer sind Lady Fullerton undMiß Braddon. Jene hat die dünne Scheidewand, die den Puseyismus noch vom Katholi-zismus trennt, durchbrochen und sucht nun andere denselben Weg zu leiten; diese fabriziertunermüdlich sogenannte Sensationsromane, meist Kriminalgeschichten, bei denen das einzigeInteresse in einem gut versteckten Geheimnisse liegt. Weit begabter sind Charlotte Bronie,Currer Bell mit ihrem Schriftstellernamen, die Verfasserin des durch Frau Birch-Pseifser aufunserer Bühne eingebürgerten Gouvernantenromans laus Sxre und die als George Eliotschriftstellernde Lebensgenossin von Lew es, der sich durch ein Leben Goethes bekannt ge-macht hat. Ihre Erzählungen besitzen ihre Stärke in der Beobachtung des menschlichenHerzens und in der Darlegung der Seelenvorgänge, z. B- ^clain Lecks, Nickälsmarcd,ölill on tste tloss, Lilas Narner, Selix Holt tüs raäieal. Achtbare Leistungen sinddie frommen Romane der beiden Amerikanerinnen Elisabeth Wetherell Düs wicke, wickoworlä (die weite, weite Welt) und Mrs. Beecher-Stowe, deren Onele Toin's oabM(Onkel Toms Hütte) ungeheueres Aufsehen erregte und das Seinige dazu beigetragen hal-bst öffentliche Meinung für die Abschaffung der Sklaverei zu gewinnen.
Nach Scott erstanden erst wieder in dem Dreigestirne Bulwer, Dickensund Thackeray der englischen Literatur Erzähler von Weltruf.
Wenn den ersten seine vielseitige, durch Studien und Reisen erworbene Bildung hochüber den Durchschnitt erhebt, so den zweiten trefflicher, mit rührendem Pathos verbundenerHumor und Witz, während Thackerays Stärke auf der schneidenden Schärfe seiner Satireberuht. Edward Lytton Bulwer verdankt seinen Ruhm dem Romane, für den ihn Sprach"gewalt, scharfer Verstand, Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe durchaus bestimmt er-scheinen lassen. Diese Vorzüge, weniger dagegen Macht und Fülle der Erfindung, Mannig-faltigkeit der Charakteristik oder gar entfesselte Leidenschaft, kennzeichnen seine mit künstlerischerBerechnung aufgebauten Profadichtnngen, besonders soweit sie englische Verhältnisse schildern-wie Sani Olit'lorä, Sngene ö.rair>, öckios, öiigllt anck ölorning. SeinErstlingswerk in dieser Art, Seist am, leidet unter dem Übergewichte verstandesmüßiger Be-trachtung, einem Grundzuge in des Dichters Natur, der ihn auch für die Silgrims ottllo kleins nicht die entsprechend innigen Farben und Töne finden ließ. Selbst die ge-feierten Last vaxs ol So in peil lassen die Anschaulichkeit und Schärfe der Charakterevermissen, die erst die englischen Sittenbilder Tste Oaxtons, öl- öi ovs 1, öVstatwiOste cko witst it? wieder zeigen. Auch Bulwer mußte sein privates Leben in die Öffent-lichkeit zerren lassen und zwar durch seine geschiedene Frau in dem Roman Ostevels^-Sein Sohn Robert versuchte sich unter dem Namen Owen Meredith in Lyrik und Epm-Charles Dickens, anfangs Boz genannt, begründete schon durch seine ersten WerstSstetostss ot Sonäon, wozu ihm das bewegte Volksleben der englischen Hauptstadt deckStoff bot, und die Siostwiost Saxsrs seinen Ruf als witziger und zugleich gemüt-voller Volksschriftsteller. Große Anschauungskraft, heitere Laune, treffende Satire und ergötz-liche Komik im Bunde mit ergreifendem Pathos spiegeln in der Schilderung des Aben-teurerlebens des Herrn Pickwick und seiner drei Freunde das Leben und Treiben desenglischen Volks überhaupt, besonders in seinen unteren und mittleren Klassen. Die Kralund Naivität der Pickwickier vermochten die zahlreichen folgenden Werte nicht zu über-bieten, mögen auch einige wie l^iestolas wicklest)-, Oliver Twist in künstlerischerHinsicht durchgebildeter sein. Eine neue Gattung bilden Dickens Weihnachtsschrifst"Ostristmas Oarol, Oriostst on tsts Seartst, Sattle ok Site, worin er, zuMTeil auf phantastischem Hintergründe reizende kleine Bilder voll Gemüt und mit moralischemZwecke entrollt. Dickens volkstümlicher Sittenroman voll lebendiger Gestalten aus demwirklichen Leben gewährt nicht bloß Unterhaltung, er rügt auch Mißstände aller Art, Z-die Schwerfälligkeit englischer Gerichtshöfe, und sucht allenthalben Teilnahme für die Armeund Gedrückten zu erwecken. Diese seine Wirksamkeit gehört zu den wohltätigsten, die 1ein Schriftsteller geübt hat, und unterscheidet ihn von William Makepeace Thackeray-
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