192 Zweites Buch: Literatur und Kunst Europas im Zeichen der Romantik. 8 90.
verzweifelnden Weltschmerz« oder dem entgegengesetzten Seelenzustande, einem alleshinnehmenden Autoritätsbedürfnisse führen mußte. Dieses fand dann in einerüberspannten Gläubigkeit Befriedigung, mit der eine gefährliche Unklarheit desDenkens einhergehen mußte und für die eine dunkle, ungewöhnliche Sprachebevorzugtes Ausdrucksmittel wurde.
Booald Chateaubriands (8 80) Eifer, durch Kunst und packende Überredung die Gemüter für
^ den Katholizismus und das legitime Königtum zu gewinnen, hatte durch seinen Freund Louisde Bonald (ß 81) (Ileobsrebss pIiilosoxbigusL, 1818) Unterstützung gefunden, der ein ebenso1782—1854 tätiger Verfechter der unbeschränkten Monarchie und des orthodoxen Glaubens war wie derI.'d-Maistrs feurige und talentvolle Bretone Robert de Lamenais in seinem Dsssi sur l'inüMrsnoe1754-1821 mattere cls roligiou (1817). An Geist und strenger Logik war ihnen Joseph"Marie de Maistre aus Chamberh in Savoyen noch überlegen, der in seinem BucheI)u kaps (1819) die Päpste zu den einzigen Herrschern in der Welt machen möchte-Ihm sind sie die „Ordner, Schützer und Retter, die wahrhaft konstituierenden GenienEuropas". Die Religion selbst dient ihm als Bollwerk für die Verteidigung der sozialenZustände, wie er auch 1821 die gesellschaftliche Ordnung in seinen Loirsss äs 8a,iiü"^> 7 «—iW 2 ° l'ötsrsbourg (wo er fünfzehn Jahre als fardinischer Gesandter weilte) auf den Henkelgründete. Sein Bruder -Lavier stand übrigens solcher Auffassung der Religion fern-Nachdem er bereits 1794 im leichten Plaudertone des 18ten Jahrhunderts den Vozmgs uutouräs wa ostambrs geschrieben hatte, schilderte er 1811 die tröstende Macht des Glaubensder rührenden Erzählung Im lmxrsux äs 1a Oits ä'^osls, während in der .leun«Libsrisnns die alle Schwierigkeiten überwindende Kindesliebe, in den krisonnisrs6anes,8s standhafte Treue im Rahmen russischer Verhältnisse vorgeführt wird. Gleich1780 — 1^4 Xavier de Maistre lag alle religiöse Überspannung dem als vielseitigen Sprachforscher undLiteraturkenner bekannten Charles Nodier aus Besanxon fern, der als Bewundererdeutscher Dichtkunst zu einem Verpflanzer deutscher Anschauungen nach Frankreich und so z^einem Förderer der dortigen romantischen Schule geworden ist, im übrigen durch reizvolleMärchen und zahlreiche phantastische Novellen (8tsIIa, 8msrra, Iritliz-) Bedeutung erlangte-Chateaubriands (A 80) unmittelbarer Nachfolger in der Pflege der christlichen Poesie wardAlphonse de Prat de Lamartine. In Macon geboren, wuchs er in ländlicher Einfach"hcit auf und verlebte dann ungebundene Jahre in Italien und der Schweiz, wo er auch-von Chateaubriand mächtig beeinflußt, seine ersten Lieder schuf. Die Veröffentlichung d^Poetischen Betrachtungen machte ihn 1820 zum Lieblinge der damaligen religiös"sentimental gestimmten höheren Gesellschaft, in deren Gunst er sich durch die HouveU^meäitations (1823) und die Harmonie« postiguss st rsligieusss (1830) noch befestigte-Die schwärmerische Innigkeit seiner Lyrik mit ihrer Sehnsucht nach Gott und Unsterblich"keit, ihrer Wehmut über die Schwäche des Menschen und sein unbefriedigendes Dasein, dwsüße Melancholie seiner gefühlvollen Naturschilderungen begeisterten die Jugend: „Endlichdie Poesie eines Dichters!" rief der junge Viktor Hugo aus- In der Tat finden sich ^jenen Sammlungen neben Dichtungen mit etwas gesuchter Erhabenheit und lässigen Versenzahlreiche Perlen wahrer Poesie (Is One, Im Obrötisn wourant, Im lioi). Bald nachseinem Eintritte in die Akademie unternahm Lamartine mit seiner englischen Gemahlin unseiner Tochter aus prunkvollem Schiffe eine Reise nach dem Oriente (1832—34), die er nachseiner Rückkehr mit dichterischem Geiste geschildert hat. Seitdem wandte er sich mehr unmehr der Politik zu und steigerte seinen dichterischen Ruhm nur noch durch zwei epischWerke iloeelzm (1832) und Im 6buts ä'un 2 I 0 A 6 (1838). Ersteres erzählt, wie Jocelh»,ehe er die Priesterweihe empfangen hat, durch die Stürme der Revolution in die Berge deDauphins getrieben wird und in seiner „Adlergrotte" mit der von ihm geborgenen Tochwseines auf der Flucht verstorbenen Emigranten gleich Paul und Virginie ein unschuldvolleLeben führt. Eigentümliche Fügungen zwingen ihn, seiner reinen Liebe zu entsagen, woraner als Dorsgeistlicher sich im Dienste feiner Gemeinde aufopfert. Der Wohlklang der Verlund die prächtigen Beschreibungen des Lebens in den Alpen und in der Pfarre zuNeige erklären den großen Beifall, den dieses rührende Epos einst fand und noch stum-Weniger sagt, trotz einzelner Schönheiten, wegen seiner phantastischen Überschwenglichkeit de„Fall eines Engels" zu, der die Prüfungen Cedars schildert, nachdem ihn die L>ezu einem irdischen Mädchen aus dem Himmel verwiesen hat. Seit 1834 gehörte LainartMals Abgeordneter der zweiten Kammer an, wo er immer mehr seinen legitimistischen An"sichten entsagte und den Republikanern näher trat- In diese Zeit des Wandels seiner politischeGesinnung fällt die unzuverlässige Lmtoirs äss Otrouäins (1847). Die darin gegebenlegendenhafte und rhetorische Darstellung des dem Volke teueren Revolutionskampses vc>