8 90. Erstes Kapitel: Literatur <die außerdeutsche bis zum Ende des Jahrhunderts). 203
vorherrschender materieller Interessen und des ausgeprägten wissenschaft-uchen Positivismus. Nach Zola, dem Theoretiker dieser Richtung, deren Führerbv nie hat heißen wollen, ist der Naturalismus nur die literarische Formver wissenschaftlichen Evolution; er studiert nach streng wissenschaftlicher Methodeen natürlichen Menschen (1a dßts Kumulus), der gleich allen anderen Lebewesenb>n Mechanismus der chemisch-physikalischen Gesetze unterliegt und durch seinMilieu bestimmt wird. Um zur „Wahrheit" zu gelangen, eignete sich Zola dieRegeln der Introäuotion st I'stucke äs 1a mecleeine experimentale des hervor-ragenden Physiologen Claude Bernard (fi 1878) an; Physiologie und Patho-(vgie tritt an Stelle der Psychologie. Eine falsche Auffassung der Wahrheit iner Kunst drängte zugleich diesen materialistischen und pessimistischen Naturalismuseiner oft brutal-nüchternen Darstellung des Häßlichen und Gemeinen, undawit ist der Ausgang erreicht, der sich bereits 1852 im KPuillstou ä'^rlstopkunsangedeutet findet: „I'airs vrai es u'sst i'ieu xour Ztrs realists: 6'sst kairoarä gu'il kaut!^ Zola besonders meint aber damit einer Pflicht zu genügen,r^rd man muß ihm zugestehen, daß er das Schmutzige auch abstoßend wirkenaßt und somit sittlicher ist als manche Moralisten, die mit Behagen und inanmutigem Stile die raffinierten Laster der Gesellschaft darstellen. Übrigensyaben die Naturalisten in ihrem Ringen nach deutlichem sprachlichen Ausdrucksonders durch Aufnahme volkstümlicher Wendungen zur Bereicherung desSprachschatzes manches beigetragen.
m Der begabte und sittlich ernste Gustave Flaubert suhlte noch zwei Seelen in seinerrüst, äsux bovsbominss, wie er zu sagen pflegte. Den Romantiker erweist sein Haß gegena°s Moderne (Eisenbahn, Industrie, Politik) und der Roman 8a1aivinbo (1862; währendrs Kampfes zwischen Rom und Karthago spielend). Der Naturalist „gut vonärait tstirsVntir prosyus inntsriellsinsnt, Is8 eko868" ist der bedeutendere: mit den Romanenaäarns Lovar^ (1857) und U'eänentiov 8sntiinsntals hat der peinlich gewissenhaftrvertende Mann der naturalistischen Schule die Bahn gebrochen. Die beiden Goncourt,«>wund und Julius, haben zuerst ihr Schrifttum als soziale „Enquete" aufgefaßt und aus dem, uterial (den cloeumsnts ünmnirm) 1860—69 sechs Romane geschaffen, unter denen Usrminis(Geschichte eines in Paris von Stufe zu Stufe sinkenden Dienstmädchens)^ beientiüqns folgerichtig durchführt. Die Gebrüder Goncourt brachten auch
dst' linpr888ionnists auf, worin die nur verbindenden Wörter ausfallen und einzigdi^vrgen Wendungen nebeneinander verbleiben oder durch Punkte aneinandergereiht werden,Sensationen zu bewirken geeignet sind. — Nach dem Tode Jules Goncourts tratGroßmeister des französischen Naturalismus auf den Kampfplatz, der Pessimist EmileieM " Sohn eines italienischen Ingenieurs in Paris geboren), der bis dahin mit„ , Novellen (6onts8 L Uinon) und Romanen (Tksrs86 Raguin) wenig Anklangmüden hatte. Er beschloß, in dem zwanzigbändigen Riesenepos Ue8 LouZou-Llaeqnart,oirs Naturells st 8ooials ä'nue tamills 80 U 8 le sseonä empire (1871 — 93), einemküenstück zu Balzacs Lomsäis llnmains, ein umfassendes, auf „wissenschaftlicher".-/pvdlage ruhendes Gesamtgemälde der Jähre 1851—70 zu liefern. Als erster Band er-Mwn 1871 Das Vermögen der Rougon, unter den folgenden, die höchste Abneigung undUtesten Beifall wachriefen, ragen hervor: Us Ventre äs Uarm (das Leben der PariserL^EHallen), ll,'^88ommoir (der Totschläger: Untergang einer Arbeiterfamilie durch denstg (Kokottenleben), (lerminal (Keimmonat: Welt der Bergarbeiter)
Iw (ein keusches Idyll), Ua vsbaels (Zusammenbruch des Kaisertums), endlich
cini ^ootsur kaseal (mit der Genealogie der Rougon). In diesen Romanen (von denenan dramatisiert worden sind) will der Dichter eine Familie des Volkes abkonterfeien unddie ^.^rstRUn ihrer durch alle Schichten des Gesellschaftskörpers dringenden Ausläuferdie ^?,^^Euvg der Vererbung und der Umgebung als entscheidend erweisen. Nurund sollen wirken; Zola fragt nicht nach den herrschenden Begriffen des Schönen
es ^drchrn, auch in bezug auf die Sprache nicht nach dem, was für geschmackvoll gilt;iviea 8^ die eigene Überzeugung, sittliche Forderungen zu erfüllen. So malt er vor-Svr p? das Abstoßende, zweifellos in einer kraftvollen, deutlichen, an Taine erinnerndeneinen ^ ^er nirgends Rücksichten noch Maß kennt, und fand trotz allen WiderspruchsRown V^^E" Leserkreis in der gesamten Kulturwelt. Seine späteren Leistungen — dievtnlogie 1,88 trois vills8: I,onräs8, Uoms, ?ari8: auch Ueeonäils — bewährten
Flaubert
1821-1880
Edm. deGoncourt1822-1896I. de Gon-court
1830-1870
Zola
1840—1902