266 Drittes Buch: Europa von d. Stiftung d- Heiligen Allianz bis z. Julirevolution. 8 klö-
Hause und wußte die noch recht bedenkliche Stimmung der Menge dadurchzum unermeßlichen Jubel umzuwandeln, daß er Arm in Arm mit La-si. Zu» fahette auf den Balkon des Stadthauses heraustrat. Hier küßte er ihnund schwenkte die dreifarbige Fahne. Der König hatte sich inzwischenvon St. Cloud nach Rambouillet begeben und entschloß sich wegen derzunehmenden Desertion der Truppen, die Anerkennung Ludwig Philippsals Generalstatthalter auszusprechen; als dieser darauf antwortete, er^°a>>kung Statthalter durch die Wahl der Abgeordneten, entsagte Karl dem Throne2 . Aug. zugunsten seines Enkels Heinrich, des Herzogs von Bordeaux, undforderte den Generalstatthalter auf, bis zur Mündigkeit desselben die Regensschaft zu übernehmen. Ludwig Philipp kam durch diesen Schritt des König»in große Verlegenheit; er half sich, indem er dem Könige antwortenließ, er werde die Rechte des Herzogs von Bordeaux nicht aus denAugen verlieren; der am 3. August zusammengetretenen Kammer teilteer nur die Entsagung des Königs mit. Zu gleicher Zeit hatte erdurch die Inszenierung eines ähnlichen Zuges wilder Gesellen nachRambouillet, wie er 1789 nach Versailles marschiert war G 8), dafürgesorgt, daß der ihm durch seine Anwesenheit unbequeme König NMis. Aug. seiner Familie Frankreich verließ und sich nach London begab. In d^'Kammer wurde nun das neue Staatsgrundgesetz mit aller Hast durchberatenund angenommen, indem man im Eingang die Erklärung voranstellte, davder Thron in Tat und Recht erledigt sei, und am Schlüsse den Satz hinzu-fügte, daß, wenn der Herzog-Statthalter die Charte in ihrer neuen ^
stalt beschwöre, die Stimme der Nation ihn auf den Thron berufe.
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g. Aug. 1880
Neue Ver-fassung
übernahm denn Ludwig Philipp, nachdem er diesen Schwur gekeift^hatte, als König der Franzosen, nicht mehr als König von Frank-reich, die Herrschaft.
In dieser Charte war der Anfang der alten Verfassung, welcher die EAStaatsgewalt als Kronrecht dem König beilegte und die Verfassung als könign^Verleihung bezeichnete, beseitigt, so daß die neue Charte im Sinne des liberalDoktrinarismus den Charakter eines Staatsvertrages zwischen Natiosund Oberhaupt erhielt. Ferner wurde der Artikel beseitigt, welcher mkatholische Religion für die Religion des Staats erklärte. Um aber den Wühlereider Ultramontanen keine Handhabe zu geben, wurde einem späteren Artikel erZusatz beigefügt, der die katholische Religion als „von der Mehrzahl derbekannt" bezeichnete. In einem andern Artikel wurde die Preßfreiheit hergepf^und die Wiedereinführung der Zensur untersagt. Das früher so hartnäckig bstrittene Recht der Initiative wurde den Kammern gewährt. Die Wiederherstellnder dreifarbigen Nationalfahne wurde das äußere Zeichen des neuen, oVolke geschaffenen Bürger königtums. ^
Die im Auslande weilenden Verbannten, wie Soult, Sieyts, Maret (Bassano) m ^kehrten in die Heimat zurück, indes Marmont (Herzog von Ragnsa), der BefehlshaberPariser Besatzung, ins Exil mußte. Am 6. Nov. 1836 starb Karl X. in Görz; ebendaie^auch sein Sohn, der Herzog von Angouleme (Graf von der Marne), am 3. Juni , .Seine Gemahlin Therese, die Tochter Ludwigs XVI. (Z 22), überlebte ihn noch sieben Jny ^sie starb am 19. Oktober 1851 in Frohsdorf unweit Wien. Dort weilte auch biseinem am 24. August 1883 erfolgten Tod der letzte Sprosse des ältern Hauses dnn^ ^der Herzog von Bordeaux, nach einem Schlosse an der Loire Graf von Chambord ^welcher, einige Monate nach der Ermordung seines Vaters, des Herzogs von Berry (Z s ,in Paris geboren (29. Sept. 1820), der Köuigsfamilie ins Exil gefolgt war und von uAnhängern als Heinrich V. bezeichnet wurde.