Band 
Erster Band.
Seite
18
JPEG-Download
 

18

Erstes Buch: Die morgenländischen Völker.

Z 6.

von rauhen, dem Piratenleben ergebenen, aus „allerlei Volk" gemischten Bewohnern bevölkert,mit griechischen Kolonien (Aspendos). 8. Pisidien, nördlich von den beiden eben er-wähnten Landern, jedoch noch südlich des Taurus gelegen und in der Eigenart des Landesund Volkes ihnen sehr nahe verwandt. Die Einwohner, vielleicht Reste der vorsemitischenUrbevölkerung Kleinasiens, wußten ihre Unabhängigkeit gegen alle Beherrscher der Halbinselzu schuhen, bis es den Römern gelang, sie zu unterwerfen. Die wichtigsten Orte warenTermessos und Sagalassos, reich an allerhand Kunstdcnkmälern aus römischer Zeit.

9. Kilikien, teils eben, mit Getreidefeldern bedeckt, teils waldig und felsig, mit Cedernund Tannen (Schiffsbauholz) bewachsen; die Bewohner waren kühne, verwegene Seeräubermit festen Piratenkastellen. Die bedeutendsten Städte lagen an der Küste und waren grie-chischen Ursprungs, Selinüs (wo Trajan starb), Seleukeia, Tarsoi (Geburtsort des ApostelsPaulus), Jssoi (Schlacht 333 v. Chr.). Bon der argivischen Pflanzstadt Soloi (späterPompejopolis) soll das Wort Solöcismus herkommen, weil sich die Einwohner im Umgangmit den Eingeborenen ein fehlerhaftes Griechisch angewöhnt hatten. Nördlich davon lag

10. Kappad okien und 11. Klein-Armenien, ein rauhes, gebirgiges, an Zinnoberund Pferden reiches und von einem vorarischen Volksstamm bewohntes Land, wo erst dieRömer statt der früheren Burgen und offenen Flecken Städte anlegten, darunter Caesarea(ehemals Mazäka), Tyäna (Geburtsort des Wunderthüters Apollonios), Melitene, Nazianz(woher der Kirchenvater Gregorius stammt), Nikopölis (von Pompejus erbaut) u. a. m.Westlich davon 12. Lhkaonien, mit der Stadt Jkonium, und das von einem abgehärteten,räuberischen Bergvolk bewohnte Jsaurien, dessen Einwohner als kühne Guerillakämpferihre Freiheit selbst gegen die Römer behaupteten. 13. Phrygien, gebirgig und vulkanisch,aber fruchtbar und reich an Marmor, besonders bei der Stadt Synnäda, mit Kelänä(später Apamea), Kolossü (Paulus' Brief), der reichen Handelsstadt Laodikeia, Dory-laium u. a. 14. Galatien, im 3. Jahrhundert v. Chr. von einem keltischen Volksstammnach langen Raubzügen besetzt und in drei Stämme und zwölf unabhängige, aber durch eineTagsatzung verbundene Gaue (Tetrarchien) geteilt, über die Pompejus den König Dejotärus(Z 222) setzte. Die Galater waren tapfer, von hoher Gestalt und gefurchtste Mietstruppen.Städte: Pessinus, mit einem berühmten Heiligtum der „Bergmntter" Chbele, Gordieion,uralte Residenz phrhgischer Könige (gordischer Knoten), Ankyra mit Karawanenhandel;Schafherden bildeten den Reichtum des Landes. 15. Bithynien, ein fruchtbares, durchViehzucht wohlhabendes Land, an dessen Küste sich reiche griechische Handelsstädte befanden,wie Cius (Kios), Astäkos (Hannibals Todesort), in dessen Nähe später die große undblühende Stadt Nikomedia angelegt wurde, Chalkedon (Byzanz gegenüber), HerakleiaPontike u. a. Im Innern waren Prusa am Olymp, die regelmäßig im Viereck gebauteStadt Nikäa, Bithynium u. a. merkwürdig. 16. Paphlagonien, mit der großen undgeschmackvoll gebauten Stadt Amastris und dem reichen griechischen Handelsplatz Sinöpe.17. Pontos, der nordöstliche Küstenstrich am schwarzen Meer, von verschiedenen streitbarenBarbarenvölkern (darunter den stahlarbeitenden Chalyben) bewohnt, reich an Obst, Honig,Wolle und Mineralien; unter den Städten sind außer den griechischen Kolonien Kerasns(Pharnakia) und Trapezüs besonders zu merken Amaseia (Vaterstadt des GeographenStrabo), Komäna Pontika mit einem berühmten Tempel und Orakel, wo sich viele„Begeisterte und Verzückte" befanden, Neocäsarea, Zela (bekannt durch Caesars Siegüber Pharnakes 45), Sebastia u. a. Kleinasien war vorzugsweise der Sitz wollüstigerund unsittlicher Religionskulte mit unzüchtigen Gebräuchen (Kybdledienst u. a.). Bei denSyrern und an den Küsten des schwarzen Meeres pflegten im Dienst der Kriegsgöttin Ma,welche die Griechen als „stierreitende Artemis" oder Enho bezeichnen, die Weiber in denWaffen der Männer zu erscheinen und ihre Jungfrauschaft für immer zu bewahren, währenddie Männer ihre Mannheit opferten. Diese heilige Opfersitte, die auch in Phönizien heimischwar, scheint die Mythen von einem jungfräulichen Amazonenv olk, das man sich amThermodon heimisch dachte, erzeugt zu haben. Die Bewohner all dieser BinnenlandschaftenKleinasiens waren ein Völkergemisch. Zu der ursprünglich vorhandenen Urbevölkerung, dievon den Späteren oft mit dem Namen Leleger oder Pelasger bezeichnet wurde, kameine zweifache Einwanderung, eine arische, die von Nordosten eindrang und nach derSüdküste strebte, und eine semitische, die von Süden und Südosten hereindrängte. Inhistorischer Zeit kam dann noch die erste griechische Kolonisationsbewegung und die Völker-wanderung der Gallier hinzu, um das Mischvolk von Syrern, wie die Römer kurzhinsagten, zu bilden, das in der Hauptsache in den Ebenen und Flutzthälern saß, einem jedenEroberer eine leichte Beute. Die Reste der Urbevölkerung retteten sich in die schwer zu-gänglichen Gebirge und bildeten in ihrer ursprünglichen Rauheit und Einfachheit einentrefflichen Menschenschlag, der feine Freiheit über alles schätzte und wegen seiner Tapferkeit