Band 
Dritter Band.
Seite
475
JPEG-Download
 
  

Z 266.

Erstes Kapitel: Ludwigs XIV. Vorherrschaft.

475

20 Millionen Livres (nach heutigem Geldwerte etwa 120 Millionen Francs)boten, daß ihnen aber durch den Gerichtshof bis zum Jahre 1669 110 Millionen(660 Millionen Francs) abgenommen wurden. Weiter wurden die Staats-schulden reduziert durch Einlösung der Renten zu dem sehr niedrigen Emissions-kurs, die verkauften Domänen gegen Rückerstattung des Kaufpreises zurück-gefordert und zahlreiche in den letzten 30 Jahren erteilte Adelsbriefe, mitdenen Steuerfreiheit verknüpft war, kassiert. Colbert scheute sich nicht, beidiesen Maßregeln auch wohlerworbene Rechte zu verletzen, minderte damit aberdie Zinsenlast und mehrte das Staatseinkommen. Darüber hinaus erstrebte ereine gerechtere Verteilung der Steuerlasten. Dazu setzte er die direkten Steuern(die Taille II, Z 351), von denen die Privilegierten, also gerade die Reichen, freiwaren, herab, mußte aber dafür die indirekten (Salzsteuer und sonstige Ver-brauchsabgaben) erhöhen und ließ auch das Pachtsystem, allerdings unter Be-seitigung der Mißbrauche, bestehen. Durchgreifend war diese Reform allerdingsnicht, denn die Privilegierten blieben nach wie vor von der Taille frei; undda die indirekten Steuern ebenfalls hauptsächlich die unbemittelten Massen trafen,so ist es auch zur Zeit Colberts, wie früher schon (Z 220), zu Bauernunruhengekommen, die grausam unterdrückt wurden.

Den finanziellen Maßnahmen parallel gingen nun wirtschaftliche; beiihnen folgte, wie schon gesagt, Colbert den Grundsätzen des Merkantilismus (§ 264).

Durch Einfuhrzölle und Einfuhrverbote (die 1664 erhöhten Zölle wurden durchden Zolltarif von 1667 verdoppelt) wurde die heimische Industrie der höher Industrieentwickelten ausländischen gegenüber konkurrenzfähig gemacht; neue Erwerbs-zweige wurden mit Staatsunterstützung begründet und dazu Arbeiter aus demAuslande herangezogen; zugleich wurde die Fabrikation durch Fabrikinspektorenbeaufsichtigt. So wurden die englische Strumpfwirkerei, die holländische Tuch-macherei, die venetianische Spiegelindustrie nach Frankreich verpflanzt; besondersblühend wurde die Seidenindustrie, und die Gobelins der königlichen Fabrikerlangten bald Weltruf. Für die Landwirtschaft war der Merkantilismus(Colbertismus) nicht günstig, und doch hätte sie dringend der Förderung bedurft.

Sie war seit Heinrich IV. zurückgegangen namentlich durch die starke Steigerungder Taille, die auf den Bauern lastete, und durch die zahlreichen Binnenzöllean Wegen und Flüssen, die die Verwertung der Produkte erschwerten und derenPreis steigerten, ohne daß dies den Bauern zugute gekommen wäre. In manchenGegenden war die Not so groß, daß die Bauern ihr Gütchen aufgaben und dasLand unbestellt ließen. Da hat nun Colbert zwar durch Herabsetzung der Tailleetwas geholfen, er hat auch in den nördlichen und mittleren Provinzen dieBinnenzölle aufgehoben, aber das reichte nicht aus. Im ganzen verlangte derMerkantilismus im Interesse der Industrie niedrige Arbeitslöhne und alsoniedrige Getreidepreise. Deshalb wurden sehr hohe Ausfuhrzölle auf Getreidegelegt. Und da nun die direkte und indirekte Steuerlast blieb und mit denZunehmenden Bedürfnissen für den Krieg immer mehr stieg, so wurde die Lageder Landwirtschaft und der Bauern immer ungünstiger.

Für den Handel hat Colbert viel getan. Den Binnenhandel förderte Handeinie schon erwähnte Aufhebung der Binnenzölle, ferner die Anlegung von Straßen,auch wenn hierfür zunächst militärische Rücksichten sprachen. Dem Außenhandel,nem Colbert noch größeres Interesse zuwandte, sollte der Bau eines KanalsMischen dem Mittelmeer und dem Atlantischen Ozean dienen. Um die französischeSchiffahrt zu heben, belegte Colbert die fremden Schiffe mit hohen Hafen-ubgaben; er erstrebte damit etwas Ähnliches wie England mit der Navigations-akte (H 223), hatte aber geringeren Erfolg. Sodann begünstigte er die großenHandelsgesellschaften und die kolonialen Unternehmungen; esestand eine Levantinische Kompagnie, die von dem zum Freihafen erklärtenurseille nach dem Orient handelte, und eine Nordische für den Ostseehandel;