8 292. Zweites Kapitel: Die Seemächte (England u. d. Niederlande) von 1660 bis 1714. 017
8. Die Niederlande.
§ 292. Die Staatenpartei und Wilhelm III. Die Kolonien. Wir
haben den Vereinigten Niederlanden eine zusammenhängende Darstellungbis zum Frieden von Breda gewidmet (8 223); ihre weiteren Schicksale sind in?so eng mit den schon behandelten europäischen Ereignissen verknüpft, daßwir hier auf diese Darstellung verweisen können. Im Innern bestand derGegensatz zwischen der Staatenpartei und der manischen Partei fort. 'MLo,"Während der ersten statthalterlosen Periode leitete der Ratspensionär P-rtod-Johann de Wittden Staat; erbrachte gegen Ludwig XIV. die Tripel- ^«-^2allianz zustande (8 269), sorgte für die Flotte, ließ aber das Landheerverfallen. Es geschah das im Interesse der herrschenden Staatenpartei;wußte man doch, daß die Armee manisch gesinnt war. Als nun dieNiederlande dem Angriff Ludwigs XIV. beim Beginn des zweiten Raub-krieges wehrlos erlagen, erhob sich das niedergehaltene Volk und bewirkte,daß Wilhelm III. von Oranien zum Generalstatthalter erhobenwurde (ß 271).
Die Erregung des Volkes entlud sich dann in einer entsetzlichen Bluttat. JohannsBruder Cornelius de Witt wurde fälschlich eines Mordanschlags gegen Wilhelm III. be- Li. Juli 1672schuldigt und gefangen gesetzt. Trotz der Folter blieb er dabei, daß er unschuldig sei, wurdeaber zur Verbannung verurteilt. Als nun Johann seinen Bruder aus dem Gefängnisabholen wollte, drang der Pöbel in das Gebäude ein, schleppte beide auf die Straße, er-mordete sie unter furchtbaren Mißhandlungen und schändete auch noch die Leichen, bevor 20 . Aug. 1672sie an den Galgen gehängt wurden. Eine Bestrafung der Mörder erfolgte nicht.
Wie Wilhelm HII. den Kampf gegen Frankreich führte, wie er dieenglische Krone gewann und im dritten Raubkriege der Vorkämpfer Europasgegen Frankreichs Übergewicht wurde, ist schon erzählt worden (88 272 s.,
281 ff., 288 s.). Er hatte bei dieser Politik mit mancher Gegnerschaft inden Generalstaaten zu ringen; trotz solcher Hemmnisse gelang es ihm aber,die Niederlande auch zur Teilnahme an dem Spanischen Erbfolgekriege zubestimmen (8 317). Seit Wilhelm III. englischer König geworden war, i«»»leitete der Ratspensionär Anton Heinsius die niederländischen Auge- A.'ls/ilegenheiten in seinem Sinne; er blieb auch der Leiter des Staats und setzte ^Wilhelms Politik fort, als nach Wilhelms Tode die zweite statt -Halterlose Periode der niederländischen Geschichte begann. Diese Periodefand, wie die erste, ihr Ende, als neue Gefahren von Frankreich drohten(8 343, 374).
Die Niederlande haben unter Wilhelm III. in den europäischen Ver-svicklungen eine weit höhere Bedeutung erlangt, als ihnen die Größeihres Landes zuzugestehen schien. Das war das Werk Wilhelms III.; aberks hat dabei auch mitgewirkt die Stellung, die die Niederlande alsHandels- und Kolonialmacht schon vorher gewonnen hatten (8 224).
Diese Stellung haben sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts imganzen behauptet, doch trat ihnen England immer mehr als ebenbürtigerKonkurrent zur Seite, während der französische Mitbewerb seit dem Rück-gang der französischen Volkswirtschaft (8 283) und der Niederlage derJlotte bei La Hogue (8 289) weniger gefährlich wurde. Noch besaßenße von allen Nationen die meisten Handelsschiffe (8 224); noch war dieAmsterdamer Börse die erste Geldmacht, wenn auch seit der Gründungder Bank von England (8 289) die Londoner schnell an Bedeutung wuchs.
w wichtigste holländische Kolonialgebiet blieben die hintcrindischen Inseln- Hier stieg Indien
Macht der H 0 l l ä n d i s ch - 0 st i n d i s ch e n K 0 m p a g n i e immer höher, indem immer mehr