§ 325. Sechstes Kapitel: Nord. Krieg. Sturz Schwedens u. Aufsteigen Rußlands. 571
schloß sich dieser zu dem höchst beschwerlichen Marsch in die von un-geheuren Wäldern und Sümpfen durchschnittene Ukraine.
Es war ein schwerer Fehler, daß Karl damit den aussichtsreichen Vor-stoß auf Moskau aufgab und seine rückwärtigen Verbindungen gefährdete;er verschlimmerte den Fehler noch, indem er nicht einmal die Ankunft Lewen-haupts, der mit frischen Truppen, mit Kleidung und Nahrungsmittelnfür das ermattete Heer in Anmarsch war, abwartete. So erhielten dieRussen die Möglichkeit, ihre ganze Macht gegen diesen zu richten; er er-wehrte sich ihrer in dem Treffen von Ljesna, vermochte aber doch nurnach Aufopferung seiner ganzen Artillerie, alles Gepäcks und aller Vorrätemit einem geringen Heer den rastlos vorwärts eilenden König zu erreichen.Die Lage der Schweden wurde nun immer schwieriger. Auf die herbst-lichen Regengüsse, welche Krankheiten erzeugten und die Wege zerstörten,folgte ein äußerst harter Winter; dennoch setzte Karl, allen Vorstellungenzum Trotz, seinen Marsch fort, obwohl Mazeppas Verheißungen sich alsunwahr erwiesen und die Kosaken wenig Lust zeigten, sich der russischenSchutzherrlichkeit zu entziehen: mit verblendetem Starrsinn rannte Karlin sein Verderben. Im Mai schritt er zur Belagerung des festenPoltawa, konnte aber bei dem Mangel an Geschütz wenig ausrichten.Zum Schutze der Stadt erschien zuerst Menschikow, dann Peter selbst; erzwang Karl zu der Schlacht von Poltawa, und diese entschied Wider,die Schweden. Renskjöld, der an Stelle des am Fuße verwundeten Königsdie Schlacht leitete, geriet in Gefangenschaft. Karl XII. wurde aus demstolzen Überwinder dreier Könige ein hilfloser Flüchtling, der sich nurdurch die angestrengteste Flucht mit etwa zweitausend Begleitern (darunterMazeppa, der aber noch in demselben Jahre Gift nahm) auf türkischesGebiet zu retten vermochte. Lewenhaupt sammelte den Rest der Flüchtigen;da aber bei dem Mangel an Nahrung und Geschütz kein Rückzug möglichwar, ergab er sich mit 16 000 Mann. So wurde das heldenmütige Heer,gleich bewundernswürdig im Dulden wie im Handeln, vernichtet. Ruß-lands Eintritt in den Kreis der Großmächte war entschieden;Peter hatte recht, wenn er schrieb, daß erst setzt der Grundstein der Newa-stadt endgültig gelegt sei.
8 325. Karl XII. in der Türkei.-- Karl wurde von den Türkenehrenvoll aufgenommen und lebte in seinem Lager vor Bender als Gast-freund des Sultans in unbeschränkter Freiheit. Der Gedanke, als Be-siegter ohne Heer in seine Staaten zurückzukehren, war seiner stolzen Seeleunerträglich; er hoffte die Türken zu einem Kriege gegen Rußland zu be-stimmen und dann an ihrer Spitze die Staaten seines Feindes zu durch-ziehen. Während er die Türken für diese Pläne zu gewinnen suchte,gingen jedoch alle von ihm bisher errungenen Erfolge verloren.
Um die Zeit der Schlacht von Poltawa hatten seine drei Gegnerdas frühereBündnis erneuert. Friedrich August bemächtigte sich nachVertreibung Stanislaus Leszczynskis wieder des polnischen Thrones; ZarPeter dehnte seine Eroberungen an der Ostsee über Esthland, Livland undeinen Teil von Finnland aus, und der König von Dänemark landete ander Küste von Schonen, wo er allerdings von einem kleinen Heer abgehärteterBauernburschen unter Stenbocks Oberbefehl in dem Treffen bei Helsing-borg wieder zurückgedrängt wurde. Es bestand nun die Möglichkeit, daßder Krieg nach den deutschen Besitzungen Schwedens übergriff. Das wäre
Marsch nachder Ukraine
Okt. 1708
1708/1709
1709
Poltawal. Juli 1709
Karl inBender
Erfolge derGegnerJuli 1709Aug. 17091710
März 1710