8 342. Siebentes Kapitel: Europa unter d. Herrsch. d.Gleichgewichtspolitik(1713—1740). 591
reich (ß 334); die Aktien stiegen auf 1000 Prozent, um dann schnell wiederzu fallen. Walpole, der eben wegen des Vorgehens der Südseegesellschaft zurück-getreten war, übernahm in dieser Krisis wieder das Ministerium und gewährteden Aktienbesitzern 33 Prozent. Damit erlitten diese zwar schwere Verluste,aber bei weitem nicht so schwere als in Frankreich; und die glänzende wirt-schaftliche Lage ließ die Krisis bald überwinden. Walpole verstand es auch,durch Aufhebung der Einfuhrzölle für Rohstoffe und der Ausfuhrzölle fürFertigfabrikate Industrie und Handel zu beleben.
Georgs I. sittliches Verhalten erregte berechtigten Anstoß. Als hannöverscher Kurprinz Häuslicheshatte er sich mit Sophie Dorothea, der Tochter Georg Wilhelms von Celle und der fran-zösischen Edeldame Eleonore d'Olbreuse, vermählt (Stammbaum 14). Nachdem sie ihm zweiKinder (Georg und Sophie Dorothea, später vermählt mit Friedrich Wilhelm I. von Preußen)geboren hatte, verstieß er die ihm unebenbürtig scheinende Gemahlin. Diese ließ sich daraufin ein Liebesverhältnis mit dem Grafen Königsmark ein, wurde, nachdem ihr Geliebter beiSeite geschafft (wahrscheinlich ermordet) war, geschieden und bis zu ihrem Tode (1726) aufdem Schlosse Ahlden (Prinzessin von Ahlden) unter Aufsicht gestellt. Georg I. aber lebte mitZwei Maitressen (der Baronin von Kielmannsegge und Melusine von Eberstein) in ehelicherGemeinschaft. Darüber entstand ein Zerwürfnis mit dem Thronfolger, der das Verfahrengegen seine Mutter mißbilligte.
8 342. England unter Georg II. Der Thronwechsel änderte nichts Z 7-1760an der englischen Politik; auch unter Georg II. blieb zunächst Walpoleleitender Minister. Der wirtschaftliche Aufschwung nahm seinen Fortgangund führte allmählich zur Bildung einer neuen Geldaristokratie.
Während die Tories die Grundlage ihrer wirtschaftlichen und sozialen Neiw Geld-Stellung im Grundbesitz sahen, bemächtigten sich die Whigs des Handels und "" °
der Industrie; es ist ein Gegensatz ähnlich dem, wie er zur Zeit des Aristidesund Themistokles in Athen bestand. Die Whigs benutzten aber dann ihregroßen Kapitalien zum Ankauf von Landgütern; damit verschwanden die kleinenGrundbesitzer immer mehr: sie suchten Unterschlupf in der Industrie oder wurdenSu Pächtern. Die Regierung wurde zugunsten der Kapitalisten geführt; derGrundbesitz wurde wenig, das mobile Kapital gar nicht besteuert, die Staatslastendurch Verbrauchszölle auf die Massen gelegt. Um sich in der Macht zu behaupten,d- h. die Mehrheit im Parlament zu behalten, scheute dieser whigistische Geld-adel bei den Parlamentswahlen nicht vor Bestechungen zurück. Es waren Zu-stände, wie sie sich später bei den Trusts in Nordamerika wiederfinden.
Sehr wichtig für die industrielle Entwicklung wurden bald neue Erfindungen. Im Jahr Erfindungen1769 konstruierte James Watt aus Greenock in Schottland, der sich in Glasgow zum WattÄustrumentenmacher ausbildete, die Dampfmaschine, die durch die Anwendung auf Schiffeund Lokomotiven eine neue Periode des Weltverkehrs schuf; und um dieselbe Zeit erfanduach jahrelangem Nachsinnen der Barbier Arkwright den Spinnstuhl, die Spinnmaschine ArlwrightUnd die Maschinenweberei für Wolle, Baumwolle und Flachs. — Als Theoretiker der neuen >"W—17WZeit aber begründete Adam Smith, Professor in Glasgow, durch sein berühmtes Werk:^Untersuchung über die Ursachen des Reichtums der Nationen" eine neue Epoche derVolkswirtschaftslehre, indem er die freie Entwicklung und Bewegung derMenschen-Eräfte als die Hauptquelle des Reichtums eines Staates aufstellte.
Die auswärtige Politik bis zum Beginn des österreichischen Erb- Auswärtigesolgekrieges kennen wir schon. Nur ungern war Walpole in dem Handels-sonslikt mit Spanien von diplomatischen Verhandlungen zum Kriege irssübergegangen (Z 336); während des österreichischen Erbfolgekrieges tratNotwendigkeit noch entschiedener an England heran, und der neueNrnister Cateret (seit 1742) war einer aktiven Politik mehr geneigtWalpole. Dabei kreuzte sich jedoch die Politik des englischen Ministe-^Uins mit der persönlichen des Königs; jenes hatte vor allem die Fragen desWandels und der Kolonien, also den Gegensatz gegen Frankreich im Auge,ikser dachte zuerst an sein Stammland Hannover. Die Einzelheiten der