Band 
Dritter Band.
Seite
597
JPEG-Download
 

8 347. Siebentes Kapitel: Europa unter d. Herrsch, d. Gleichgewichtspolitik(1715— 1740). 597

Rußland zur Wahlmonarchie erklärt und die absolute Zarenmacht Einschränkungenunterworfen wurde. Anna jedoch zerriß im Vertrauen auf den Wunsch desVolks und des niederen Adels, die mit Neid die Übermacht jener aristokratischenFamilien betrachteten, diese Kapitulation, stellte die absolute Zarenmacht wiederher und lenkte zurück in die Bahnen Peters des Großen. Ihre Hauptratgeberwurden ihr Günstling, der kurländische Edelmann Johann von Büren (Biron),und zwei Deutsche, O st ermann und Münnich. Die Dolgorucky und Galizynwurden vom Hofe entfernt, der Geheime Rat wurde beseitigt, die Residenzwieder nach Petersburg verlegt und die Regierung einem kaiserlichen Kabinettübertragen. In ihm leitete Ostermann die äußern Angelegenheiten, währendder talentvolle, kir Eugens Schule gebildete Münnich für Heer und Marinetrefflich sorgte. Auch nach außen hin entfaltete Rußland wieder mehr Tatkraft.Während des polnischen Erbfolgekrieges erschien ein russisches Heer am Rhein;in Polen bestieg der russisch-österreichische Kandidat den Thron (§ 332); weitergelang es der Zarin, ihrem Günstling Biron das Herzogtum Kurland zu ver-schaffen und dadurch dies Land ganz von Rußland abhängig zu machen (Z 249);am meisten Ruhm aber ernteten die Russen in dem mit Österreich gemein-schaftlich geführten Türkenkriege (Z 333). Hier entwickelte Münnich großesTalent und hohen Mut, opferte aber Tausende von Menschen seinen kühnenPlänen. Er eroberte die Krim und besetzte die Moldau, und wenngleich derschimpfliche Friede, den Österreich übereilt in Belgrad abschloß (ß 333),auch Rußland zur Herausgabe des Eroberten zwang (mit Ausnahme der wieder-gewonnenen Stadt Asow), so hatte doch Münnich den Weg gezeigt, wo Ruß-land seine Grenzen ausdehnen könne.

Anna ernannte zu ihrem Nachfolger den erst einige Monate alten Sohnihrer Nichte gleichen Namens, Iwan III. (Stammbaum 7); während seinerMinderjährigkeit sollte Biron die Regentschaft führen. Allein Münnich, desübermütigen Emporkömmlings müde, bewirkte dessen Sturz; Iwans Eltern(Anna und ihr Gemahl Anton Ulrich von Braunschweig-Lüneburg) übernahmendie Regentschaft und verliehen Münnich die Würde eines Premierministers;Viron wurde nach Sibirien verbannt. Nun aber entstand Zwiespalt zwischenMünnich und Ostermann, und das begünstigte einen neuen Staatsstreich, beidem der französische Gesandte Marquis de la Chetardie insgeheim seine Handwi Spiele hatte. Da das „Fremden-Regiment" beim Beginne des österreichischen^rbfolgekrieges seiner Mehrheit nach zu Österreich neigte, unterstützte er durch^eld die Bestrebungen der Altrussen, die es zu stürzen beabsichtigten. Lestocq,oer Leibarzt der Elisabeth, der jüngsten Tochter Peters, stand an der Spitzeeiner Verschwörung, die dieser den Thron zuwenden wollte. Mit Hilfe derkaiserlichen Garde, welche Elisabeth durch gemeine Vertraulichkeit gewonnen hatte,^urde in einer einzigen Nacht die Revolution beendet, die Elisabeth zurHerrschaft führte. Iwan wurde 1756 in den Kerker der Festung Schlüsselburggesperrt und fristete, für wahnsinnig erklärt, bis 1764 ein trauriges Dasein;inne Eltern wurden 1744 nach Cholmogory am Weißen Meer verbannt, woAnna 1746 , Anton Ulrich 1774 starb; Münnich und Ostermann wurden nach^birien geschickt; dieser starb dort schon 1747, jener wurde 1762 zurück-berufen. Unter Elisabeth erreichte die schon unter Anna und ihrer Nichte am^?kersburger Hof eingerissene Sittenlosigkeit den höchsten Gipfel. Wie in Frank-em die Maitressen, so herrschten in Rußland die Favoriten. Elisabeth über-all sich und das Reich ihren Günstlingen und folgte selbst in den wichtigsten2 sk"ksangelegenheiten ihren Leidenschaften. Nach außen hatte sie zunächst deng ihrem Vorgänger ausgebrochenen Krieg gegen Schweden zu beenden; eserb'i den Frieden von Abo, durch den sie Finnland bis zum Kymenesluß

den 0 ! 345). Im österreichischen Erbfolgekrieg neigte Elisabeth anfangs zu

Best "den Österreichs, denen sie ihre Erhebung verdankte, dann aber leitetelluscheiv die auswärtige Politik im österreichischen Sinne und führte Ruß-

1737

1780

Iwan III.(VI.)

I740-I74I

Dez. 1741Elisabeth1741-17W

1748