8 391. Drittes Kapitel: Europa und Nordamerika bis zur französischen Revolution. 711
so das russisch-österreichische Bündnis (H 377), das Rußland zum Kriege gegen Friedrich den I7isGroßen führte. Bestuschew stützte sich dabei auch auf den Geliebten (heimlichen Gemahl)der Zarin, den Grafen Rasumowskij (H 377). Den Gang des Krieges kennen wir bereits.
Gegner dieser Politik war der für Friedrich den Großen schwärmende Thronfolger Peter;deshalb war Bestuschew bemüht, sich auch für den Fall des Todes der Elisabeth zusichern, und dachte daran, nach Elisabeths Tode der Gemahlin Peters, Katharina, mit derer in gutem Einvernehmen stand, die Regentschaft zu verschaffen. Die Entdeckung diesesPlanes führte dazu, daß Bestuschew auf seine Güter verbannt wurde. Mitgewirkt bei nssseinem Sturz haben neben dem Vizekanzler Woronzow auch der neue Günstling der ZarinIwan Schuwalow und seine Vettern Alexander und Peter.
Der Tod Elisabeths und die Thronbesteigung P e t e r s III. bewirkten,
wie wir wissen (Z 386), einen völligen Umschwung in der auswärtigenPolitik Rußlands und retteten Friedrich den Großen aus schwerer Notlage.
Auch hierbei wirkten im wesentlichen persönliche Motive ; und bald sührtePeters Charakter und Haltung sowie sein Zerwürfnis mit seiner Gemahlinzu seiner Entthronung und Ermordung.
Obgleich Peter ohne tiefere Bildung und ohne höhere Interessen war und nur anrohen Vergnügungen (Trinken u. dergl.) Gefallen fand, schienen einige seiner Maßregeln doch i
einen freieren Geist zu atmen. Er rief mehrere Verbannte (Münnich, Biron, Lestocq)zurück, beseitigte die Tortur und die geheime Polizei, hob Handelsmonopole auf, setzte denSalzpreis herab, unterstellte die Kirchengüter der Verwaltung des Staates und überwiesderen Überschüsse dem Staatsschätze. Mit der zuletzt erwähnten Verfügung verletzte er aberdie russische Geistlichkeit, und da er sich auch sonst über kirchliche Gebräuche hinwegsetzte,so stellte ihn die Geistlichkeit als Feind der orthodoxen Kirche, als heimlichen Lutheranerhin. Andrerseits hob er die Leibgarde der Elisabeth auf, machte ein holsteinsches Regiment,das er schon als Großfürst um sich gehabt hatte, zu seiner Leibwache, führte die preußischeDisziplin ein, trug preußische Uniform und behandelte hohe Würdenträger mit äußersterRücksichtslosigkeit. Dadurch erbitterte er nicht nur die Armee, sondern überhaupt dasAltrussentum, dem auch Peters Plan, für Holstein Krieg gegen Dänemark zu führen,als unrussisch erschien.
Im Gegensatze zu Peters Haltung beobachtete Katharina ängstlich die kirchlichen KatharinaBräuche und wußte sich die Sympathien der Altrussen zu gewinnen. Zwischen dieser genialbeanlagten Frau und ihrem geistig viel tiefer stehenden Gemahl hatte nie eine herzliche Be-ziehung bestanden. Bald wandte sich Peter Maitressen, Katharina Liebhabern zu; unterjenen mag Elisabeth Woronzow, unter diesen der polnische Gesandte Stanislaus AugustPoniatowski genannt werden. Auch als Zar behandelte Peter seine Gemahlin sehr brutal,und es hieß, er wolle sie verstoßen und die Woronzow heiraten. Schon Bestuschew hattedaran gedacht, der Katharina die Herrschaft zu verschaffen; je unerträglicher das launen-hafte Regiment des Kaisers wurde, je weniger fürstliche Würde er wahrte, je rücksichtsloserer gegen hohe Beamte auftrat, um so mehr wandten sich die Blicke seiner Gemahlin zu.
So entstand denn eine Verschwörung, die Katharina aus Selbsterhaltung Entthronungbetrieb, und an der ihre Freundin, die Fürstin Daschkow, ihr Geliebter Gregor Orlow, ^-"-8deren Brüder Alexej und Wladimir, ferner Graf Panin, Kyrill Rasumowskij, der BruderAlexejs (des Geliebten der Zarin Elisabeth) und der Erzbischof Setschenow von Nowgorodbeteiligt waren. Während Peter in Oranienbaum weilte, wurde Katharina am Morgendes Tages, an dem sie in ein Kloster gebracht werden sollte, zuerst von den Garden, dann s. In» i?Win der Kasanschen Kathedrale vom Erzbischof als Herrscherin ausgerufen und vonden höchsten Würdenträgern im Winterpalais als solche anerkannt. Peter verlor voll-ständig den Kopf und unterzeichnete, ohne Widerstand zu versuchen, die ihm vorgelegte Ab- 10. Julidankungsur künde. Einige Tage darauf wurde er, jedoch sicher ohne Vorwissen Katha- 17 . Zu»rinas, von den Orlows erdrosselt.
8 391. Ziele und innere Reformen Katharinas II. K a t h a -rinas Thronbesteigung gab der russischen Politik wiedergroßeZiele.
Es ist kein Zufall, daß Katharina Peter dem Großen ein prachtvollesDenkmal errichtete: sie ist seine echte Nachfolgerin geworden und die zweiteGründerin der russischen Großmacht. Und das ist sie geworden trotz dergrößten Schwierigkeiten, mit denen sie, besonders zu Anfang, zu ringenhatte. Als Fremde mit Argwohn betrachtet, von übermütigen Magnaten