8 401. Drittes Kapitel: Europa und Nordamerika bis zur französischen Revolution. 727
schützen, innerhalb zweier Jahre die Berufung eines Konzils veranlassen oder in andererWeise die Zustände bessern.
Es waren Bestrebungen, die an die Zeiten des Baseler Konzils (II, Z 313)erinnerten. Indes sie hatten keinen Erfolg, weil die Erzbischöfe von denBischöfen und vom Staate im Stiche gelassen und bald unter sich uneins wurden.
Wie einst bei der Entstehung Pseudoisidors die Bischöfe die entfernte päpstlicheGewalt für weniger drückend ansahen, als die nahe erzbischöfliche (II, § 91), sotraten auch jetzt einige Bischöfe den Erzbischöfen nicht bei. Etwas Ähnliches galtsür die Fürsten, die im Papst ein Gegengewicht gegen ihre Erzbischöfe erblickten.Karl Theodor von Bayern hatte selbst die Errichtung der Münchener Nuntiaturgewünscht, und auf Preußens Veranlassung erklärte sich der Mainzer Erzbischofzu Vergleichsverhandlungen mit Rom bereit; einen solchen Vergleich empfahl i?8sauch der Reichstag. Der Papst hielt an feinen Ansprüchen fest, und als dieKirche von den Stürmen der französischen Revolution bedroht wurde, gaben dieErzbischöfe den weiteren Kampf auf. So hatte dieser vielversprechende AnlaufZU einer katholischen Nationalkirche keinen Erfolg.
8 401. Preußen unter Friedrich Wilhelm II. Wie in Österreich ii.uach Josephs II. Tode ein Rückschlag gegen dessen Politik eintrat, so hatauch Friedrichs des Großen Nachfolger Friedrich Wilhelm II. in^,st/NovMancher Hinsicht die Bahnen seines großen Vorgängers verlassen. Preußen ° ns?glitt dabei von der Höhe herab, aus die es Friedrich erhoben hatte. Darantrug zunächst Schuld der Charakter des neuen Herrschers, der ohne klarenBlick für die Bedürfnisse seines Staates, ohne selbständiges Urteil undohne starkes Pflichtbewußtsein mystischen Vorstellungen zugänglich warund sich von Maitressen und Günstlingen leiten ließ. Es rächte sich aberauch, daß bei der ganz persönlichen Regierungsweise des großen Königsder Staat einer Maschine glich, die nur dann gut funktionierte, wenneine überragende Persönlichkeit sie leitete. Mitgewirkt hat schließlich auchdas Verhalten des Volkes, das, zumal in der letzten Zeit, die Härtendes Fridericianischen Regiments stärker empfunden hatte, als seine Größe,und deshalb den Nachfolger als den „Vielgeliebten" umschmeichelte, sodaß dieser und seine Umgebung eine falsche Vorstellung der eignen Leistungs-fähigkeit erhielten.
Friedrich Wilhelm war am 25. September 1744 als Sohn des Prinzen Augustgeboren, mit dem der königliche Bruder seit 1757 zerfallen war (K 882). Mit diesem Zer-würfnis war die Grundlage gegeben, auf der sich ein Gegensatz des Thronfolgers zu demherrschenden System entwickelte, ein Gegensatz, wie er bekanntlich recht häufig zu beobachtenÜt- Dazu waren die Charaktere beider ganz verschieden: der König verstandesklar, hart underfüllt von königlichem Pflichtbewußtsein, der Prinz aus weicherem Holze geschnitzt undseinen Neigungen, namentlich auch seiner Sinnlichkeit nachgebend. Friedrich war empörtüber die Verschwendung des Prinzen, empört über sein sittliches Verhalten. Von seinerErsten Gemahlin Elisabeth von Braunschweig, mit der er sich 1765 verheiratet hatte, wurdeFriedrich Wilhelm schon 1769 geschieden, und auch seine zweite, 1769 geschlossene Ehe mit^uife von Hessen-Darmstadt (si 1805) hinderte ihn nicht, an seiner Maitresse Wilhelminer-nke, der Tochter eines Musikers, die er mit seinem Kammerdiener Rietz verheiratete, fest-gehalten. Als König gab er sich dann fast noch skrupelloser seiner sinnlichen Natur hin.
^re Rietz blieb seine Maitresse und wurde 1794 zur Gräfin Lichtenau erhoben; man bezeichneteste als we „preußische Pompadour". Außerdem aber ließ er sich nach dem auch von Luthergebilligten Vorbild Philipps von Hessen (Z 60) 1787 die zur Gräfin Jugenheim ernannte^une von Voß und nach deren Tode die Gräfin Sophie Dönhoff (sie wurde die Mutter i7soes Grafen von Brandenburg (IV, Z 165s) als zweite Gemahlinnen zur linken Hand an-Das waren Zustände, die in Preußen bisher unerhört waren. Es ist eine eigen-miichx Erscheinung, daß sich mit solchen Zustünden so oft eine Hinneigung zu mystischer Bischoffs-der?^" verbindet. Den Mhstizismus des Königs nährte Rudolf von Bisch offs wer der,
uch als Mitglied des Rosenkreuzerordens mit einem Geheimnis zu umgeben wußte und gest. isos