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Lehrbuch der Botanik für höhere Lehranstalten und die Hand des Lehrers : von biologischen Gesichtspunkten / von Otto Schmeil
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220 2. Kl. Einkeimbl. Pflanzen. 64. Farn. Liliengewächse, 1. Unterf. Eigentl. Lilien.

zieht sich auch die Tulpe mit beginnender Trockenheit in den Boden zurück.Wenn endlich nach vielen Wochen wieder heftige Begengüsse auf die sonnen-verbrannte Steppe herniederrauschen, und das belebende Nass den staubtrockenen'Boden erweicht, dann erwacht mit der Tulpe das ganze Heer der Stauden ausdem todähnlichen Schlafe, und schon nach kurzer Zeit sind die weiten Gefildemit Tausenden und aber Tausenden leuchtender Blüten bedeckt. Die Zwiebelist also (gleich dem Wurzelstocke und der Knolle) ein Mittel der Pflanzen,die ungünstige Jahreszeit zu überdauern. Die Zwiebelgewächsesind daher die Gepräge- (Charakter-) Pflanzen der Steppe. (Darumwerden z. B. in der Bibel auch dieLilien so häufig erwähnt, die nochheute den Steppen Palästinas zur Begenzeit einen wunderbaren Schmuck ver-leihen.)

Auch für die in unsere Gärten eingewanderte Tulpe hat die Zwiebeldie gleiche Bedeutung: der trockene Sommer, sowie der trockene (s. S. 92) undkalte Winter würden die Pflanze unbedingt töten, wenn sie sich vor ihnen nichtin die schützende Erde zurückzöge. (Beweise, dass dies auch für die ein-heimischen Zwiebelgewächse, sowie für alle Liliengewächse gilt, die mit Hilfevon Wurzelstöcken oder Knollen überwintern!)

Die Aufgabe, welche die Zwiebel zu erfüllen hat, macht uns nun leichtfolgende Thatsachen verständlich:

a) Wir sagten oben, dass sich die Tulpe gleichsam in den Erdbodenflüchtet. Ist denn eine solche Flucht gerade dorthin von Bedeutung? Wie wirPflanzen, deren Wurzeln oder unterirdische Stämme nicht vertrocknen sollen,in die Erdeeinschlagen (Beispiele!), so ist auch die.Zwiebel im Erdboden-gegen eine tödlich starke Abgabe von Feuchtigkeit wohl geschützt. Welchhohen Grad von Trocknis die Zwiebel übrigenszu ertragen vermag, geht daraushervor, dass wir unsere Blumenzwiebeln mit Beginn des Sommers meist ausdem Boden nehmen und bis zum Herbste trocken aufbewahren. Wir müssenaber wohl bedenken, dass sich die Luft unserer Breiten hinsichtlich der Trocken-heit mit der der Steppenländer nur selten messen kann!

b) Einen weiteren Schutz gegen das Verdorren bilden die trocken-häutigen, äusseren Zwiebelschalen. (Wir hüllen Gegenstände,, die wirfeucht erhalten wollen, in Papier, trockene Tücher u. dgl.; Beispiele!) In dieseraus pergamentartigen, ungeniessbaren Blättern gebildetenKapsel besitzt dieZwiebel zugleich ein wichtiges Schutzmittel gegen die Angriffe der im Bodenlebenden Tiere, namentlich der gefrässigen Nager.

c) Gegen diese Feinde ist die Zwiebel auch noch durch einen Giftstoff.geschützt, der Erbrechen erregt.

d) Wie wir gesehen haben, muss die Tulpe in ihrer Heimat bereits wenigeMonate nach dem Hervorkommen aus der Erde die Samen gereift haben. Hierzuwäre sie aber ohne den Besitz der Zwiebel sicher ausser stände. Gleich derKartoffelknolle (s. das.) stellt dieses Gebilde nämlich einen Vorratsspeicherdar, aus dem die Pflanze solange die Baustoffe entnimmt, bis die über den Erd-