Zur Geschichte -es Orients.
I. Zur Geschichte der Ägypter.
1. Ägypten, ein „Geschenk des Nils".
lHerodot II, 5, 14, 19—25.)
Man braucht nur seinen gesunden Verstand zu haben, so sieht mangleich mit eigenen Augen, wenn man auch zuvor nichts davon gehörthat, daß der Teil von Ägypten, in den die Hellenen zu Schisse fahren,neugewonnenes Land ist und ein Geschenk des Flusses.
Die Ägypter ernten die Früchte ihres Landes mit weit ge-ringerer Mühe und Arbeit als alle andem Völker. Sie brauchen sichnicht zu quälen, Furchen aufzubrechen mit dem Pflug, noch zu hacken,noch mit irgend einer anderen Arbeit, mit der andere Menschen sich aufdem Felde quälen, sondern der Fluß kommt von freien Stücken auf ihreÄcker und bewässert sie, und wenn er sie bewässert hat, verläßt er siewieder, und dann besät ein jeder seinen Acker.
Es geht aber der Nil, wenn er anschwillt, nicht allein über dasDelta, sondern auch über einen Teil des libyschen Landes und auch desarabischen an einigen Orten, und zwar einen Weg von zwei Tagen aufjeder Seite, jedoch bald mehr und bald minder. Von des Flusses Artaber konnte ich weder von den Priestern noch von sonst einem etwaserfahren. Und ich wollte doch gern von ihnen wissen, warum der Nilanschwillt von der Sommersonnenwende an gegen hundert Tage, und,wenn er fast hundert Tage gestiegen, wieder zurückgeht und in seinemBette dergestalt fällt, daß er den ganzen Winter hindurch klein ist biswieder zur Sommersonnenwende. Hierüber konnte ich durchaus nichtsvon den Ägyptern erfahren, als ich mich erkundigte, was doch der Nilfür eine Kraft hätte, daß es gerade umgekehrt mit ihm wäre, denn mitden anderen Flüssen. Nach diesen eben gesagten Dingen also fragte ichsie und dann auch, warum unter allen Flüssen von ihm allein keinfrischer Wind weht.
Aber etliche der Hellenen, die sich durch ihre Weisheit einen Namenmachen wollten, haben über dieses Wasser dreierlei Meinungen ange-
Schmieder, Quellen zur Geschichte des Altertums. 1