Zur Geschichte der Griechen.
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ließ. Das furchtbarste dabei war aber die Mutlosigkeit, sobald sich einervon dem Übel ergriffen fühlte, — denn dann überließ man sich allsogleichder Hoffnungslosigkeit, gab sich über Gebühr selbst auf und leistete keinenWiderstand, — und ferner der Umstand, daß die Menschen, einer durchdie Pflege des anderen angesteckt, dahinstarben wie die Schafe. Daswar es, was den stärksten Verlust verursachte. Denn wenn man ausFurcht sich den anderen zu nähern vermied, so gingen diese in ihrer Ver-lassenheit zugrunde, wie denn viele Häuser aus Mangel an Wärternganz ausgestorben waren. Wer aber sich jenen näherte, ging auch zu-grunde, und besonders die, welche den Tugendpflichten ein Genügeleisten wollten; denn aus Scham schonten sie sich selbst nicht und be-suchten ihre Freunde, da auch die nächsten Anverwandten, überwältigtvon dem endlosen Elende, des Klagens über die Gestorbenen müdewurden.
Es bedrängte sie aber zu dem vorhandenen Elend mehr noch derZusammenfluß von Menschen vom Lande nach der Stadt, und nichtweniger litten darunter die Ankömmlinge selbst. Denn da die Häuser fürsie nicht hinreichten, sondern sie sich zur Sommerzeit in dumpfigenHütten aufhalten mußten, so gingen sie in wüstem Unwesen zugrunde,ja sogar auf- und übereinander starben sie dahin und blieben als Leichenliegen, oder sie wälzten sich auf den Straßen und um alle Brunnen,halbtot aus Begierde nach Wasser. Die Tempel, in denen sie ein Unter-kommen gesucht hatten, waren gefüllt mit Leichen, da sie an heiligerStelle dahinstarben. Denn ganz überwältigt von dem Elend, wußtendie Menschen nicht, was da noch werden sollte, und fingen an, sich umgöttliche wie um menschliche Dinge nicht mehr zu kümmern. Alle gesetz-lichen Gebräuche, die man früher bei Begräbnissen beobachtet hatte,wurden vernachlässigt, und jeder begrub seine Toten, wie er eben konnte.
Auch in anderen Dingen war die Seuche für die Stadt der Anfangvermehrter Gesetzlosigkeit. Denn womit einer früher geheim getan hatte,darin ließ er jetzt schon mit größerer Frechheit seiner Lust die Zügelschießen, weil er sah, wie schnell ein Glückswechsel eintrat, wie die Reichenplötzlich dahinstarben und solche, die früher nichts besessen, jener Habund Gut in Besitz nahmen. So trachteten sie also, ihre Genüsse zu be-schleunigen und deren Süßigkeit zu erhöhen; denn Leib und Gut sahensie beides gleich schnell vergänglich. Und um des Guten und Rühmlichenwegen sich einer Mühe zu unterziehen, war keiner geneigt, da er esfür ungewiß hielt, ob er nicht zugrunde gehen werde, bevor er das Zielerreicht habe. Was aber schon an sich selbst angenehm war oder irgend-wie dem Genuß förderlich schien, das galt auch für schön und nützlich.Weder Furcht der Götter, noch menschliches Gesetz hielt da einen zurück;denn weil man alle in gleicher Weise umkommen sah, so urteilte man auch,daß es gleichgültig sei, ob man die Götter fürchte oder nicht fürchte, undkeiner glaubte, so lange zu leben, bis er wegen seiner Verbrechen vor Ge-