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Trachten und Sitten im Elsass / Text von A. Laugel ; Illustrationen von Ch. Spindler
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147
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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS

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früher auch an gewissen Karnevalstagen Freudenfeuer angezündet, dieseletzteren scheinen aber niemals diese Bedeutung gehabt zu haben, dieman heute noch ganz allgemein, nicht nur im Eisass, sondern auch inDeutschland wie in Frankreich, dem Johannesfeuer beilegt. Wenn sichdie ersten Sterne am Himmel zeigen, strömt das ganze Dorf nach demPlatze hinaus, wo ein stattlicher Scheiterhaufen hergerichtet ist. In derMitte desselben erhebt sich ein Baum gewöhnlich eine Tanne,an dessen obersten Zweigen man Besen und Reisig aufgehängt hat. Istdann die Nacht vollends hereingebrochen, so wird der Holzstoss ent-zündet und unter starkem Knistern bemächtigt sich die Feuersglutder leichten Beute ; kleine Flammen, dünn wie Schlangenzungen, eilenin dem aufgehäuften Gesträuch hin und her ; hier flackert ein Strohhalmauf, dort drüben ein schlanker Baumzweig oder ein trockenes Blatt,und in kürzester Zeit lodert eine gewaltige Feuersäule in die Höhe.Wenn die Glut zunimmt, weichen die Zuschauer, die sich zuerst ganzdicht an dem Scheiterhaufen hielten, immer weiter zurück, da sie dieHitze nicht mehr aushalten können. Man kann sich nicht leicht einmerkwürdigeres Schauspiel vorstellen: vom Widerschein der Feuersglutgerötet leuchten plötzlich die Gesichter aus der Dunkelheit auf, umsofort wieder im Schatten unterzutauchen, sobald ein Windstoss denFlammen eine andere Richtung giebt. Die langen Feuerzungen lodernzum Himmel empor, der schwarz wie der Schlund eines Ofens ausschaut,und wenn dann schliesslich der in der Mitte des Holzstosses aufgerichteteMaien sich entzündet, wenn die Reisigbündel Feuer fangen, die an seinenZweigen aufgehängt sind, dann nimmt das Freudenfeuer Formen an, dieeine ängstliche Natur wohl in Schrecken setzen können. Eine furcht-bare Vernichtungswut, die da gleichsam mit einem Schlage aus demNichts hervorbricht! Die ganze bisher leblose Masse wird mit einemMal lebendig, unter betäubendem Zischen und Heulen entfaltet sichein berückendes Schauspiel. Bald aber lässt die Kraft wieder nach,die Flammengarben steigen weniger hoch, der Himmel erscheint nichtmehr so schwarz, die verschwundenen Sterne treten wieder einer nachdem andern hervor, und schliesslich bleibt von der ganzen Feuersglutnur ein Häufchen glühender Kohlen übrig, über welche die Knaben undwohl auch die kleinen Mädchen lustig hinwegspringen. So geht es beidem Johannesfeuer zu, dessen Ursprung man bis auf die Sonnwendfeuerder Druiden zurückführen will.