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Trachten und Sitten im Elsass / Text von A. Laugel ; Illustrationen von Ch. Spindler
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259
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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS

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feuchten Augen und rötlichen Augenwimpern, der Körper lang unddünn, die Beine krumm so sah der Gänsejunge aus, den ich selbstin der Umgegend yon Strassburg kannte und der den stolzen NamenNapoleon führte. Er war einfach entsetzlich, und wenn er zu sprechenanfing, kamen unverständliche Kehllaute aus seinem zahnlückigen Munde;er war stumpfsinnig und so roh, dass er seine eigenen Hunde aufass,wenn sie ihren Wachtdienst nicht mehr gut versahen oder wenn erallzu sehr von Hunger geplagt wurde. Seinen Namen verdankte ernur dem Umstande, dass er am gleichen Tage wie der Sohn Napo-leons des III. zur Welt kam, diesen zum Paten erhielt und deshalban den Wohlthaten teilnahm, deren sich alle männlichen Wesenerfreuten, die gerade am 16. März 1856 geboren und dem Wohlwollender Behörden empfohlen wurden. Uebrigens fand unser Napoleon,als er es zum Gänsehirten gebracht hatte, trotz seines wenig ein-nehmenden Wesens doch Gelegenheit, sich zu verheiraten. Ich glaubenicht, dass Frau Napoleon in ihrer Ehe die sieben Freuden des Para-dieses genossen hat. Sie starb ziemlich früh, ohne dass sich ihr Gattebesonders aufregte; bald darnach gab er ihr eine Nachfolgerin, nachdem Beispiel des ersten ruhmvollen Trägers seines Namens. Da wageman noch, den Zauber dieses berühmten Namens zu leugnen, derauch den hässlichsten und dümmsten Menschen unwiderstehlich macht!

Jede Ortschaft hat ihren besonderen Platz, der den Gänsen zumAufenthalte dient, gewöhnlich eine ziemlich grosse, öde Stelle miteiner Pfütze, die von schmalblättrigen Weiden oder dunklen Platanenumgeben ist. Hieher wird den ganzen Sommer über die Gänseherdegetrieben, bis sie nach Einbringung der Ernte auf den GetreidefeldernNachlese halten darf und die Zeit der Mästung herankommt. Alsdannbeginnt für die armen Tiere ein wahres Martyrium: sie, die so gernesich bei voller Sonne im Wasser spiegelten, werden nun in engeGefängnisse gesteckt, fern von jedem Sonnenlicht, um in einemZustande schmachtender Trübseligkeit zu verbleiben, der für die krank-hafte Entwicklung der Leber besonders günstig ist. Jeden Morgenund jeden Abend werden sie rücksichtslos gestopft. Vom Novemberab hört diese Gänsestopferei nicht mehr auf: ein Tier folgt demandern in die verhängnisvollen Gefängnisse, und mit wahrer Auf-regung verfolgt die sorgsame Hausfrau die Fortschritte der Krankheit,die sie mit solcher Sorgfalt bei ihren Zöglingen zur Entwicklung