Band 
Zweiter Theil.
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Vorderindien. Einleitung.

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dargestellt werde», völliger Polytheismus geworden. Die Vorschriften,die in den WedamS, der heiligen Schrift der Hindus, enthalten sind,dringen auf höchst sittlichen Lebenswandel, Verehrung der Götter durchFasten, Opfer, Almosen, besonders auf Büßung und Selbstpeiuiguug,welche letztere hier zu einem schauderhaften Grade getrieben werden,Enthaltung von Fleischspeisen für gewisse Stände, Baden und Wall-fahrten*); Priesterwahn und Eigennutz hat schauderhafte Gebräuche,Kinder- und Selbstmord, Verbrennung der Wittwen mitden Leichnamen ihrer Männer und tausend alberne Vorurtheile hinzu-gefügt. Der Kindermord ist durch Englische Gesetze abgeschafft, die Ver-brennung der Wittwen wenigstens beschränkt; bei einigen Stämmenherrscht B i elmä n n ere i. Zahlreich, zum Theil uralt und prachtvollsind die Tempel (Pagoden), in und neben denen eine Menge Priesterund Tanzniädchcn (Bajaderen) wohne», welche den oft prächtigen Got-tesdienst, Opfer, Processionen, feierliche Tänze und dergl. besorgen.Es giebt Mönche und Einsiedler; aber auch Büßer und Schwärmerder unsinnigsten Art sind nicht selten. Durch Aberglauben und Vor-urrheil ist das Volk zu sehr gefesselt, besonders aber durch einen fastunüberwindlichen Widerwilleen gegen Europäer in dei? Fortschrittender Geistesbildung aufgehalten. Seit Jahrtausenden vielleicht stehtdies Volk auf derselben Bildungsstufe. Wissenschaften, z. B.Mathematik, Astronomie, Philosophie, Geschichte, sind dem gelehrtenStande nicht unbekannt, aber trotz dem Umgänge mit Europäer» ister nicht im Stande, sich aus den einmal bestimmten Gränzen zu be-wegen. Ausnahmen davon sind selten; daher macht auch das Chri-stenthum hier verhältnißmäßig nur sehr geringe Fortschritte; jedoch hatsich die Zahl der Missionsschulen, in denen Hindukinder unterrichtetwerden, die wahre Saat zur künftigen Ausbreitung des Christenthums,zweckmäßiger als Predigten und Bibelverbrcitung, in neuerer Zeitschnell vermehrt. Künste sind seit alter Zeit einheimisch, und in derBaukunst, Bildhauerei und Dichtkunst ist, freilich im eigenen Ge-schmacke, Ausgezeichnetes geleistet, auch Malerei und Schauspielkunstist nicht unbekannt. Höchst auffallend ist die dem Hindu eigene Leich-tigkeit in Erwerbung mechanischer Fertigkeiten; daher die Vortrefflich-keit so vieler Gegenstände der Industrie, die er mit unglaublich ein-fache» Werkzeugen verfertigt; seine gewebten Zeuge, seine Arbeiten inMetall, Elfenbein, Perlen und Edelsteinen übertreffen oft die Euro-päischen Waaren dieser Art. Das Merkwürdigste in dem politischenZustande dieses Volks ist die Eintheilung in bestimmte Stände, Ka-sten, aus denen ein freiwilliges Heraustreten nicht möglich ist. Esgiebt 4 solche Kasten, wahrscheinlich ursprünglich eben so viele Stämme,die nach einander ins Land kamen, denn noch jetzt findet man ganze

*) Aber die heiligen Bücher darf das Volk nicht lesen und die ganze Sitten-lehre besteht darin: keine Kuh zu schlachten, keinen Brammen zu belei-digen und die Gebräuche auszuüben, welche zur Versöhnung der Göttergefordert werden. Heber.