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ausgesetzt, steiler, erdreicharmer, und folglich auch saftloser und unfruchtbarer sind, wovon jedoch die, Airolo angehörenden,auf dem Gotthard gelegenen Alpen eine vorteilhafte Ausnahme machen.
Auch den Kartoffeln, welche seit ihrem Bekanntwerden in Europa so viele tausend Menschen dem Ilnngertode entrissenhaben, schenkt der Tessiner wenig Aufmerksamkeit. Fast nur im Livinerthal werden deren gepflanzt; der Bewohner deruntern fruchtbaren Gegenden vernachlässigt aber ihren Anbau fast gänzlich, auf die freylich wenig Arbeit erforderndeCastanien-Erndte bauend. Aber auch selbst die Castanien-Wälder, welche daselbst den Armen die alltägliche Nahrung gewähren,werden nicht gar sorgfältig gepflegt. Man treibt Heerden von Schweinen, Schaafen und Ziegen hinein, die durch Abschälungder Rinde und Abnagen der Keime dem jungen Nachwuchsc sehr nachtheilig sind.
Hanf wird zwar viel, und vorzüglich im untern Livinerthal häufig angebaut, aber doch lange nicht genug, dass nichtnoch viel Leinwand aus der deutschen Schweiz cingeführt werden müsste, woher auch Baumwollenwaaren, Tuch, Leder,Käse, Rindvieh und Pferde bezogen werden. Ausser durch Auswanderung, dem Acker-, Wein- und Seidenbau und derViehzucht, nähren sich noch viele Tessiner durch den Handel mit Holz, wovon jährlich für bedeutende Summen ausgeführt wird,und in dessen Herbeyschaflung durch kühne und künstlich angelegte Holzlcitungcn sich besonders die Bewohner des ThaiesOnscrnone auszcichnen. Von geringerem Belang ist der Handel mit Strohhüten, Mineralien, Castanien, Trüfieln, Wildpret,Fischen und Pclzwcrk, Viele nährt der Waarcn-Transit über den St. Gotthard und St. Bernardino. Bedeutende Handelshäusersind der günstigen Lage ungeachtet, keine oder wenige vorhanden, auch ausser Lugano und Mendrisio keine Fabriken. Eslässt sich nicht abläugnen, dass bey ein wenig mehr Thätigkeit und besserer Benutzung des fruchtbaren Bodens, der Tessiner beträchtlichen Vortheil von der benachbarten Lombardcy und Sardinischen Staaten ziehen könnte, während er ihnen jetzt, sozu sagen, aus eigener Fahrlässigkeit für Frucht und Wein tributpflichtig ist.
Man muss ihn aber desswegen nicht zu hart und ungerecht bcurtheilen, sondern dabey immer bedenken, dass der Tessiner seit Jahrhunderten keine Aufmunterung dazu halte. Wechselnd unter der Herrschaft von Como und Mayland ward er währendden ewigen Fehden immer beunruhigt, oft beraubt, nie zu besserer Benutzung seines Landes, in dessen Besitz er nie sicher war,