Buch 
6 (1844) Das amerikanische Staatensystem, das mohammedanische Staatensystem, die christlichen Staaten von Abyssinien, das buddhaistische Staatensystem und die Heidenwelt : nach den geographisch-statistischen Hauptverhältnissen / von Dr. Heinrich Berghaus
Entstehung
Seite
226
JPEG-Download
 

226

Amerikanisches Staatensystem.

zu harren. Das Milizsystem ist in den meisten Staaten eine Besteue-rung der reichen Klasse», die sich, wie überall, für besser als ihre gerin-geren Mitbürger halte», dem Volke dient es aber als Mittel, seine un-umschränkte Sonveraineiät zu behaupten. — Zur Zeit des Friedens, wodie Vorkehrungen gegen den Krieg nie gehörig gewürdigt werden, erschei-nen allerdings die jährlichen Znsammendernfungen und Manövers derMilizen als unnöthige Störungen der Bequemlichkeit der reicheren Klas-sen, aber da die Maßregel eine volksthümliche ist, so müssen sie sich ge-duldig darein ergeben, und steigern durch ihre Fügung unter das Gesetzsich selbst in der Achtung ihrer Mitbürger.

Die Milizen der inneren Staaten sind eine Achtung gebietendeMacht, und weit entfernt von der Svldatenspielerei vieler Kompagniender östlichen Staaten. Die Mannszucht ist weniger streng als die desstehenden Heeres, und die Milizen zeichnen sich durch einen besondernUnabhängigkeitsgeist aus, welcher sonderbar mit der Uniform von Sol-daten kontrastirt; dessen ungeachtet besitzen sie aber drei ausgezeichneteVorzüge vor jedem eüropäischen Heere, welches je gegen sie entsendetwerten könnte: der erste hiervon besteht in ihrer Zahl, welche die ganzemännliche waffenfähige Bevölkerung in sich saßt; der zweite in der Leich-tigkeit, womit sie ihre Bedürfnisse befriedigen, und der dritte in der Uni-versalität ihres Genie's! — Die Amerikaner beschränken sich nämlichnicht, wie auch schon früher bemerkt wurde, auf Ausübung eines einzel-nen Gewerbes, sondern suchen schon in der Jugend sich mit den verschie-densten Erwerbszweigen und Kenntnissen vertraut zu machen; durch dasJsolirtleben auf einzelnen Pflanzungen und durch ihr Erziehnngssystemwerden sie genöthigt, mehr zu denken, und den Mangel an mechani-scher Fertigkeit durch ein besseres Urtheil zu ersetzen. Sie sind genöthigtsich mit einer Menge von Operationen und deren Principien vertraut znmachen, und werden auf diese Weise zn den verschiedenartigsten Dingenbrauchbar. Diese universale Verwendbarkeit der Amerikaner kömmt ihremSystem der Nationalvertheidigung sehr wohl zn statten. — Eine ameri-kanische Bürger-Kompagnie besitzt freilich selten die Haltung und Präzi-sion eüropäischer Soldaten, aber im Fall der Noth kann sie ihre eigenenKleider verfertigen, ihre Schuhe und Stiefeln ausbessern, ihre Pferdebeschlagen und ihre eigenen Waffen schmieden; sie versteht Brücken undBoote zu bauen, und ist geschickt im Dienste der Matrosen; sie weißBäume zn fällen und sich mil Pfählen und Barrikade» zu verschanzen»und an Thätigkeit und ununterbrochene Arbeit gewöhnt, wird sie nichtleicht müde in den schwersten und anhaltendsten Anstrengungen. IhreOffiziere bedürfen keiner Bedienung, sie sind gewöhnt, selbst ihre Pferdezn putzen, mit eigener Hand ihre Zelte aufzuschlagen, und bei der Er-richtung von Fortifikaliviien und Straßen selbst mit Hand an's Werkzu lege». — Den unermüdlichen Anstrengungen der amerikanischen Milizhatte die Union ihre Freiheit zn verdanken; in der schlechtesten Jahres-zeit und auf ungebahnten Wegen und Straßen wurden die britischenTruppen von ihnen überrascht und umgangen. Die Fvrtifikationen vonBnnkneshill wurden i» einer einzigen Nacht aufgeworfen, die der „Dor-chester Höhen," welche die Stadt Boston beherrschten und die Evakuationder britischen Truppen herbeiführten, von Sonnenuntergang bis in UhrMorgens, und mit derselben Schnelligkeit wurde im letzten Kriege die >City New-Orleans befestigt. — Hinter Fvrlisikationen oder in einemgebrochenen Terrain sind die amerikanischen Milizen wirklich furchtbar,