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Lehrbuch der chemisch-analytischen Titrirmethode : nach eigenen Versuchen und systematisch dargestellt / von Dr. Friedrich Mohr
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Zweites Capitel. Cyan.

Diese schöne von Liebig angegebene Bestimmung des Cyans inseinen Verbindungen ist in den Annalen der Chemie und Pharmacie,Bd. 77, S. 102 beschrieben worden. Sie gründet sich auf das im vorigenCapitel erwähnte Verhalten.

Wenn man eine blausäurehaltige Flüssigkeit mit einer Aetzkalilösungbis zur stark alkalischen Reaction versetzt und eine verdünnte Lösungvon salpetersaurem Silberoxyd langsam zugiesst, so entsteht ein Nieder-schlag, der bis zu einer gewissen Grenze beim Umschütteln sogleichwieder verschwindet, dann aber auf einmal bei fernerem Zusatze einenicht mehr verschwindende Trübung veranlasst. Hat man vorher einigeTropfen Kochsalzlösung zugesetzt, so erscheint an der Grenze der Fäl-lung ebenfalls eine Trübung, die aber dann Chlorsilber ist.

Die mit Kali versetzte blausäurehaltige Flüssigkeit enthält Cyanka-lium, in welchem Silberoxyd oder Chlorsilber bis zu dem Punkte löslichsind, wo sich die bekannte, aus gleichen Aequivalenten Cyankalium undCyansilber (CyAg -|~ CyK) bestehende Doppelverbindung gebildet hat,welche durch überschüssiges Alkali keine Zersetzung erfährt.

Wenn man demnach den Gehalt der Silberlösung an Silber kennt,und die bis zum Bleiben einer leichten Trübung nöthige Menge demMaasse nach kennt, so hat man damit den Cyan- oder Blausäuregehaltder Flüssigkeit bestimmt. Denn ein Atom des verbrauchten Silbers inder Silberlösung entspricht genau 2 Atomen Blausäure.

Unsere Silberlösung hat die systematische Stärke von l / 10 AtomSilber im Litre. Dieselbe Flüssigkeit wird auch zur Chlorbestimmungverwendet. Es enthält jeder CC. derselben 1 / ]0 ooo Atom Silber, undstellt 2 /joooo Atom Cyan oder Blausäure dar, wie dies in der Rubrik desCapitels angenommen ist.

Der Beweis der Richtigkeit der Methode ist bereits von Liebigan der angeführten Stelle geführt worden, indem das durch vollständigeFällung erhaltene Cyansilber gewogen und daraus der Blausäuregehaltbestimmt wurde. Derselbe wurde dann mit dem auf maassanalytischemWege erhaltenen Resultate 'zusammengestellt. Der Blausäuregehalt,welcher sich aus der Wägung des Cyansilbers zu 0,067 Proc. ergab,stellte sich nach der Maassmethode 1) zu 0,068, 2) zu 0,067 Proc. her-aus. Ein andermal wurde eine noch verdünntere Blausäure durch Wägendes Cyansilbers zu 0,0466 Proc. Blausäure bestimmt, dann nach derMaassmethode bis zur beginnenden Trübung zu 0,0476 Proc., und durchvollständiges Ausfällen und Messen der Silberlösung zu 0,0469 Proc.bestimmt. Es ergiebt sich aus diesen Zahlen, dass das Verfahren denbesten Methoden, welche hierzu in Anwendung sind, an Sicherheit undZuverlässigkeit gleich steht, während es dieselben an Schnelligkeit undleichter Ausführbarkeit weit übertriff't.

Es ist einleuchtend, dass, wenn man kein Aetzkali zusetzt, und dieBlausäure vollständig mit der filtrirten Silberlösung ausfällt, geradedoppelt so viel Silberlösung angewendet werden muss, als bis zur begin-